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Peter Handke: Die morawische Nacht : Weg von hier, hinüber in die Welt!

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Peter Handkes „Die morawische Nacht“ ist eine Geschichte vom Abschied. Abschied vom Traum Jugoslawien. Abschied vom Schreiben. Ein Ex-Schriftssteller geht auf Vergangenheitsreise, um am Ende wieder am Anfang zu stehen.

          Das wäre doch schön: ein Buch, in dem beinahe nichts geschieht. Ein flüchtiges Buch, das in den Zwischenräumen lebt, zwischen den Zeilen, wie man so sagt, zwischen den Wörtern und den Buchstaben. Ein Buch, in dem man anstreichen kann beim ersten Lesen, unendlich viel anstreichen; und alles, was man angestrichen hat, die Signalwörter, die Skandalwörter, erweist sich dann, beim zweiten Lesen, als leer und nichtig, im Grunde überflüssig. Die Anstrichworte heißen zum Beispiel "Balkan" und "Krieg" und "zwischen den Kriegen" und "vereintes Europa", "Schuld" und "Amok", immer wieder "Amok" und "Gewalt".Stattdessen bleibt das Nichtige. Eintagsfliegen, die einen Tag lang leben, wie auch sonst? Ein Himmel in Blau, eine Leserin, die einen Autor zupft, um sich zu vergewissern, dass es ihn gibt. Ein Buch auf einem Haufen Sperrmüll. Ein Erzähler, der Brombeeren isst, am Grab seiner Mutter. Und später erscheint sie ihm sogar im Schlaf, die Mutter, die sich umgebracht hat, damals, als der Erzähler sie alleingelassen hatte. Das Gefühl der Schuld hat ihn fast erdrückt, ein Leben lang, und nun erscheint sie ihm und sagt: "Du mit deinem ewigen Schuldbewusstsein und deinem Schuldsuchen auch bei anderen. Du bist unschuldig, du dummer Kerl."

          Nach einer Weile stellt sich das Handke-Gefühl ein

          Das neue Buch von Peter Handke ist in schönes Dunkelblau gebunden, es heißt "Die morawische Nacht" und handelt von einem Erzähler, der auf sein Hausboot auf dem Fluss Morawa in Serbien die Freunde seines Lebens eingeladen hat, um ihnen eine Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Rückwegs. Zurück ins eigene Leben, an die Orte, an denen alles begann. Der Erzähler, der uns als Ex-Autor vorgestellt wird, ein Mann, den die europäische Presse vor einer Weile beinahe einstimmig für verrückt erklärt hat, wandert durch Europa und sucht Spuren seiner selbst, Spuren seines früheren Lebens. Die Stadt in Spanien, in der er sein erstes Buch geschrieben hat und wo er die erste Liebe seines Lebens fand. Der Ort im Harz, wo sich seine Eltern einst begegnet sind; der Herkunftsort des Vaters, den er niemals sah; das Grab des Vaters und das Grab der Mutter. Und schließlich sein altes Heimatland, Österreich, das er früh verließ, sein Heimatdorf, das Geburtshaus, den Bruder, den er eine Ewigkeit nicht sah und der ihn zunächst nicht einmal wiedererkennt. Handke-Leser werden ihren Handke in jeder Zeile wiedererkennen. Es ist ja der alte Handke, die Motive sind aus vielen seiner etwa siebzig bislang veröffentlichten Bücher bekannt; auch seine guten alten Alter Ego Gregor Keuschnigg und Filip Kobal sind wieder da. Trotzdem läuft man gerne wieder mit, all die 560 Seiten lang läuft man mit, und nach einer Weile stellt sich das Handke-Gefühl ein.

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