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Peter Handke: Die morawische Nacht : Weg von hier, hinüber in die Welt!

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Das Monstrum in der Geschichte

Eine Vorstellungswelt aus der Vergangenheit. Oder einer Zukunft. So wandert er umher. Nimmt teil an einem Kongress der Lärmgeschädigten, die zu jedem Gewaltakt gegen den allgegenwärtigen Krach der Welt und dessen Verursacher bereit sind. Ist Zuschauer und Zuhörer bei einem Treffen der Maultrommelspieler dieser Welt, die am Ende in ein schrilles Aufspielen der Nationalhymnen ihrer Herkunftsländer verfallen. Es ist ein Schrecken, den er flieht, der Ex-Autor. Doch der größte Schrecken ist die Frau, die eine Frau, die ihn liebt, die ihn verfolgt."Zur Hölle mit ihr", heißt es schon zu Beginn. Und "Zur Hölle mit dir" dann ganz zum Schluss. Bevor er zuschlägt. Zunächst noch "ein Lächeln von ihr, im Glauben, er rede im Spiel und seine Sätze meinten eher das Gegenteil. Aber schon hatte er sich auf sie gestürzt und auf sie eingeschlagen, einmal bloß, bloß? so stark, daß sie stracks zu Boden fiel".Er war die ganze Zeit vorbeigezogen an lauter Monstern auf seiner Wanderung, an Schreckensboten und Schreibbedrohern. Doch hier, kurz vor dem Schluss, "entpuppt sich als nächstes Monstrum in der Geschichte der Erzähler selbst". Ja, ein Monstrum, das zuschlägt, wenn es eingeengt wird von einer anderen Macht. Ein brutaler Schläger, der sich seine Freiheit erkämpft. Ja, ein Monstrum, aber eines, das monströs handeln musste, wie er sich selbst bescheinigt: "Er hatte recht gehandelt. Triumph!", ruft er sich am Ende zu.

Als Leser ist man da nicht ganz so schnell mit dem Freispruch bei der Hand. Die Gewalt des Erzählers bleibt als Schock zurück. Ein Autor kämpft sich frei, mit aller Macht. Von allen Zwängen frei, frei von Schuld, frei von allem, um wieder zum Schreiben zu finden. Und zum Sehen, jenseits des Zeitungssehens: "Am nächsten Morgen, was stand da in der Zeitung? Nichts, und wieder nichts. Tags darauf stieg jemand auf eine Leiter aus Strohhalmen, und sie hielt, und am Abend desselben Tages drückte jemand auf eine Klinke, und die Tür ging auf. Ein paar Tage später spielte jemand auf einer Maultrommel ,Der Tod und das Mädchen' und jemand schüttelte beim Weinen den Kopf."Am Ende ist nichts mehr da. Er kehrt zurück, doch das Boot ist fort. Die Enklave ist fort. Die Morawa ist versiegt, und auch die Freunde gibt es nicht mehr oder hat es nie gegeben. Er schreibt ein Buch, schreibt es wie früher in der Nacht: "Nicht wenige solcher nächtlichen Bücher hatte der Autor im Lauf seines Lebens verfaßt, die vom Tageslicht in nichts aufgelöst worden waren. In nichts? Wirklich?"Ja - fast nichts. Keine Botschaft, keine Nachricht, nur Schönheit als Ahnung und Lesen als Glück. Fast nichts - und mehr denn je.

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