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Peter Handke: Die morawische Nacht : Weg von hier, hinüber in die Welt!

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Dieses Ahnen einer anderen Welt, dieses andere Schauen auf die Dinge, diese Verwunderung zunächst über das Nebeneinander des Wahrscheinlichsten und des Unwahrscheinlichsten. Und das Ausbleiben der Verwunderung nach einer Weile des Lesens. Ja, auch Jugoslawien kommt wieder vor. Der Kampf darum hatte Handke beinahe mit der ganzen Welt entzweit. Die Wut und der Anklagefuror, die immer wieder auch in seine Prosawerke drängten, hatten seiner Kunst nicht gutgetan. Handke suchte nicht mehr. Handke hatte gefunden. Die Bücher waren enger geworden, härter, schwerer, das Öffnende hatte sich zurückgezogen zugunsten einer klaren Haltung, eines Hasses oft in höchster Not. In Notwehr gegen den Rest der Welt, der sich, wie Peter Handke es sah, hinter einem allzu klaren Serbien-Feindbild verbunkert hatte. Handke verteidigte das Recht auf sein eigenes Bild, seine Wahrheit mit aller Macht und mit allem Furor, der einem Einzelnen zur Verfügung steht.Es war immer ein sonderbares Nebeneinander von leisester Innenschau, Graswispernlauschen, von Pilzbetrachtung und ewigem Suchen auf der einen Seite und den großen Welt-Behauptungen auf der anderen, den maßlosen Angriffen gegen Kirche, Staaten, Akademien. Im Kampf "Einer gegen alle" glaubte der eine zu immer größeren Worten Zuflucht suchen zu müssen, um die Übermacht zu übertönen.Im Juni 1977 hat Peter Handke einmal an seinen Lebensfreund, den Schriftsteller Hermann Lenz, geschrieben: "Das Leben fällt mir manchmal schwer und keine Gewohnheit stellt sich ein. Aber irgendeinmal muß man sich doch weggedacht haben können und schön gleichgültig gegen dieses aufdringliche Stück Ich werden. Aber ob man dann vor lauter Haltung nicht erst recht zusammenbricht?"

Ein Abschiedslied für den Balkan

Das ist der Schriftsteller Peter Handke: das Leben, das Schreiben ohne Gewohnheit, das immer wieder neue Denken, neue Schauen, die Sehnsucht nach dem Sich-Wegdenken, Sehnsucht nach dem Ankommen und zugleich die große Angst davor, weil es dann zu Ende sein könnte mit dem Schreiben für immer.Das neue Buch erzählt von dieser Angst. Der Erzähler, der seine Freunde auf das Boot geladen hat, um von seinen Reisen zu erzählen, ist, wie gesagt, ein Ex-Autor, einer, der sich frei gemacht hat vom Schreiben, einer, der nicht mehr schreiben will und kann. So reist er dahin, schreibt nichts, legt nichts fest, lässt sich nicht festlegen, sucht und verwirft, und am Ende ist er wieder zum Autor geworden, ganz ohne "Ex-". Wie es dazu kam?Die Geschichte der morawischen Nacht ist auch die Geschichte eines Abschieds von einem Traum. Von dem Traum Jugoslawien, dem Traum eines großen Vielvölkerstaates, der gleich jenseits der Grenze am Rande des österreichischen Dorfes begann, in dem Peter Handke aufgewachsen ist. Handke hatte sich schon in seinen letzten beiden Prosabüchern behutsam von diesem Traum gelöst, im "Don Juan" in eine Frauenwelt hinein, in dem rasanten Filmbuch "Kali" in eine rasende Jeepfahrt in die Unterwelt. Zu Beginn des neuen Buches sind wir mit dem Erzähler noch einmal in einer serbischen Enklave im Kosovo. Traurig, ruhig und mitleidsvoll beschreibt Handke das Unglück der Bewohner, die in einer Busfahrt durch das sie umgebende feindliche Land, unaufhörlich mit Steinen beworfen, zu dem Friedhof ihrer Ahnen fahren, den es nicht mehr gibt. Die Gräber wurden zerstört, aber sie sitzen da und denken zurück und weinen gemeinsam. Der Erzähler zieht sich zurück. Die Wut, seine Wut, leiht er dem Busfahrer, der die Trauernden durch den Steinhagel fuhr und der ins Land hinausruft: "Euer Haß auf jeden, der nicht eurer Staatsangehöriger ist, auf alles, was nicht Staat ist! Keinen Stolz bezieht ihr aus eurem Staat, sondern die Legitimierung und Verewigung eures Hassens."Der Ex-Autor verabschiedet sich von diesem Hass, von diesem Balkan, von dieser Gegenwart: "Weg wünschte er sich von diesem finsteren Balkan in die Lichterkettenmetropolen mit den sonor hupenden Taxis zwischen den Wolkenkratzerschluchten, mit den Brücken, auf denen jedes Liebespaar etwas wie ein Friedensgruß war." Weg also von hier, hinüber in die Welt, wie sie früher war oder wie sie einmal sein könnte.

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