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Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoca : Zum Balkan mit dem Kuckuck

Rückzug ins serbische Idyll: Peter Handkes neuer Roman verläuft jenseits der Zeitgeschichte Bild: REUTERS

Jedes Buch von Peter Handke über das ehemalige Jugoslawien ist ein Skandal. Diese publizistische Rechnung ging bisher immer auch. In seinem neuen Roman „Die Kuckucke von Velika Hoca“ erzählt Handke jedoch nur von den zufälligen Empfindungen eines Durchreisenden, poetisch und wortmächtig.

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          Wird es nun also wieder einen Skandal geben, mit allen Pauken und Trompeten des deutschen Feuilletons? Eine Überraschung wäre das nicht, ist doch diese Übung, sobald Peter Handke ein Werk über das ehemalige Jugoslawien vorlegt, zum begleitenden Ritual geworden. Doch wenigstens diesmal sollte es anders sein. Handkes neues Buch taugt nur dem zum Ärgernis, der partout eines daraus machen und das Spiel von Empörung und Gegenempörung mitspielen will.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Dieses Buch, „Die Kuckucke von Velika Hoca“, erzählt von einer Reise, die Handke im Mai vergangenen Jahres in das Kosovo unternahm, bald nach dessen Unabhängigkeitserklärung. Im Mittelpunkt steht das Dorf Velika Hoca, eine von Serben bewohnte Enklave im Südwesten des Kosovos, die bei Ausländern seit längerem in Mode ist. Ungezählte Journalisten waren da und haben ihre Enklavenreportagen geschrieben, Serbiens Präsident Tadic hat dort Wahlkampf geführt, und die in der Nähe stationierte Bundeswehr fährt seit Jahren Besucher dorthin, zum Serbengucken.

          Gleich nach dem Krieg 1999 kam auch Timothy Garton Ash und wurde von einer Bewohnerin beschimpft: „Leute wie Sie kann ich nicht leiden, die herkommen, uns eine Viertelstunde angaffen, als wären wir Tiere im Zoo, und dann wieder wegfahren.“ Handke kam für mehrere Tage, doch natürlich ist das Ergebnis nicht etwa ein Reisebericht, sondern eine Handke-Reportage mit etwas Lokalkolorit als Beiwerk - Velika Hoca wird zur Enklave Handke.

          Neuer Blick

          In dem abgeschotteten und sich abschottenden Dorf spricht der Schriftsteller, im Nussbaumschatten friedlicher Maientage, mit den Einwohnern. Er erfährt, dass der Pope des Ortes während des Krieges wahnsinnig wurde und sich nur noch mit seinen Perlhühnern oder Brieftauben umgab, inzwischen aber wieder zu Sinnen gefunden hat. Handke kauft dem vom Irrsinn Genesenen ein Ferkel. Auch wird er von einem alten Mann, einem echten aus Fleisch und Blut oder auch nur einem für den Fortgang der Erzählung notwendigen, beschimpft: Was er hier zu suchen habe, zum Teufel mit den Ausländern.

          Es kann sein, dass Handke für dieses Buch wieder kritisiert werden wird. Weil er die Kriegsverbrechen von Serben an Albanern nicht verdammt, Massaker in der Umgebung unerwähnt lässt oder einfach, weil er seinem poetischen Privatserbien nun auch ein Privatkosovo hinzufügt, ein Land ohne politischen Hintergrund, wie in der Luft hängend, bestehend aus den zufälligen Empfindungen eines Durchreisenden. Doch bevor der Schlachtenlärm anhebt, sei gefragt - ist es das wert?

          Tradition der Serbienidylle

          Es sollte längst zur Gewohnheit geworden sein, Handkes Äußerungen zu Jugoslawien politisch nicht ernst zu nehmen, zumal deshalb, weil sie auf unselige Weise davon ablenken, dass einiges bei ihm, etwa seine Szenen aus der winterlichen Kleinstadt Bajina Basta an der Drina oder die von der Stille der Donau bei Smederevo, zum Schönsten gehören, was je ein Ausländer über Serbien geschrieben hat.

          Im Übrigen ist das Phänomen der handkeschen Serbienidylle nichts Neues. Handke steht - vermutlich ohne es zu wissen und gewiss ohne es zu wünschen - in einer ziemlich reichen, Jahrhunderte zurückreichenden, allerdings auch weithin unbekannten (beziehungsweise schon vor Generationen wieder vergessenen) Tradition einer schwärmerischen deutschsprachigen Serbienliteratur.

          Alte Gewohnheiten

          Schon vor langer Zeit reisten deutsche Dichter, die meisten heute unbekannt, bis zur Ungooglebarkeit, zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina, und viele der danach entstandenen Schriften lesen sich wie Vorübungen zu Handke: Unbedingter Wille zur Ausblendung, erratische Wahrnehmung, Poetisierung von Gesehenem und Nichtgesehenem, Überhöhung von Landschaften und ihren Bewohnern durch die literarisch mit einfachen Mitteln herzustellende Behauptung, nur im Land X gebe es solch rauschende Wälder, wogende Felder, gurrende Tauben oder prallsüße Trauben. Es ist, als ob dieses Land die Schriftsteller aus der Fremde, wenn sie denn schon die beschwerliche Reise dorthin auf sich nehmen, seit Generationen nötigte, mit mystischen Eindrücken im Gepäck zurückzukehren. Handke ist der wortmächtigste, der fähigste dieser Serbienverklärer, aber er befindet sich in großer Gesellschaft.

          Das ist nicht erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts so, als die Christen des Balkans sich gegen die türkische Herrschaft erhoben und Europas dichtende Nordlichter fortan nicht mehr nur in Italien ihr Südglück suchten. Die zeitweilige Serbophilie der Deutschen stand zwar stets im Schatten des Philhellenismus, kam aber gleich nach ihm. Jacob Grimm, Goethe und der junge Ranke waren ihre bekanntesten Vertreter, doch von ihnen aus spannte sich ein weiter Bogen. Die Verehrung für serbische Volkslieder, von Grimm und Goethe befeuert, nahm Züge einer Manie an. Von ihr angesteckt, zog es auch den preußischen Literaten und Offizier Otto Dubislav von Pirch im Herbst 1829 in das geheimnisvolle Land der Lieder.

          Politisch herrschten damals üble Zustände in Serbien. Die Führer des Bauernaufstands gegen die Türken hatten alle Macht an sich gerissen, Fürst Milos ließ seine Gegner verfolgen und ermorden. Doch Pirch wollte das nicht sehen, in seinem mehr als fünfhundert Seiten starken Buch über seine Reise ist kein Platz dafür. Der vor wenigen Jahren verstorbene Belgrader Germanist Zoran Konstantinovic schrieb dazu: „Für diesen gebildeten und klugen Offizier konnten die wahren Verhältnisse, die verborgenen Machtkämpfe, die Gärung und Unzufriedenheit ob der Willkür und Selbstherrschaft des Despoten kein Geheimnis bleiben. Welche Haltung nimmt er nun ein? Verurteilt er, rügt er, versucht er zu bessern? Nichts von alledem. Er stellt sich ausschließlich auf die höhere Warte des Dichters. Er isoliert sich vollständig von den blutigen Ereignissen der Gegenwart.“

          Lange Tradition

          Ersetzt man in diesen Sätzen den preußischen Offizier durch einen österreichischen Schriftsteller, ergibt sich eine ziemlich exakte Beschreibung von Peter Handkes Verhältnis zu Milosevics Serbien. Das gilt auch für den Verdruss, den die gebildeten, liberalen Serben jener Zeit über Pirchs schönfärberisches Porträt ihres despotischen Fürsten empfanden. Er entspricht dem angewiderten Achselzucken, mit dem viele heutige Belgrader Intellektuelle inzwischen auf Handkes hagiographische Annäherungen an Milosevic reagieren, die in einem dümmlichen, die Öffentlichkeit suchenden Auftritt bei dessen Beerdigung in der serbischen Kleinstadt Pozarevac ihren Tiefpunkt fanden.

          Es heißt nicht, derlei zu rechtfertigen, wenn man auf die lange Ahnengalerie hinweist, in der sie stehen. Nur gab es eben schon vor Handke viele Pirchs und nach Pirch noch viele Handkes. „Ich habe dieses unerzählte Land erzählt“, hat Handke einmal über seinen literarisch herausragenden Beitrag zu dieser serbisch-südslawischen Bibliothek gesagt, und auch der Suhrkamp-Verlag wirbt nun damit, durch das neueste Buch liege nun zum ersten Mal „ein journalistisch-literarisches Porträt der Menschen und der Lebensbedingungen in einer serbischen Enklave im unabhängigen Kosovo vor“.

          Doch das stimmt nicht. Handke erzählt allein von sich. Das ist stellenweise wunderschön zu lesen. Velika Hoca aber bleibt unerzählt.

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