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Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoca : Zum Balkan mit dem Kuckuck

Schon vor langer Zeit reisten deutsche Dichter, die meisten heute unbekannt, bis zur Ungooglebarkeit, zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina, und viele der danach entstandenen Schriften lesen sich wie Vorübungen zu Handke: Unbedingter Wille zur Ausblendung, erratische Wahrnehmung, Poetisierung von Gesehenem und Nichtgesehenem, Überhöhung von Landschaften und ihren Bewohnern durch die literarisch mit einfachen Mitteln herzustellende Behauptung, nur im Land X gebe es solch rauschende Wälder, wogende Felder, gurrende Tauben oder prallsüße Trauben. Es ist, als ob dieses Land die Schriftsteller aus der Fremde, wenn sie denn schon die beschwerliche Reise dorthin auf sich nehmen, seit Generationen nötigte, mit mystischen Eindrücken im Gepäck zurückzukehren. Handke ist der wortmächtigste, der fähigste dieser Serbienverklärer, aber er befindet sich in großer Gesellschaft.

Das ist nicht erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts so, als die Christen des Balkans sich gegen die türkische Herrschaft erhoben und Europas dichtende Nordlichter fortan nicht mehr nur in Italien ihr Südglück suchten. Die zeitweilige Serbophilie der Deutschen stand zwar stets im Schatten des Philhellenismus, kam aber gleich nach ihm. Jacob Grimm, Goethe und der junge Ranke waren ihre bekanntesten Vertreter, doch von ihnen aus spannte sich ein weiter Bogen. Die Verehrung für serbische Volkslieder, von Grimm und Goethe befeuert, nahm Züge einer Manie an. Von ihr angesteckt, zog es auch den preußischen Literaten und Offizier Otto Dubislav von Pirch im Herbst 1829 in das geheimnisvolle Land der Lieder.

Politisch herrschten damals üble Zustände in Serbien. Die Führer des Bauernaufstands gegen die Türken hatten alle Macht an sich gerissen, Fürst Milos ließ seine Gegner verfolgen und ermorden. Doch Pirch wollte das nicht sehen, in seinem mehr als fünfhundert Seiten starken Buch über seine Reise ist kein Platz dafür. Der vor wenigen Jahren verstorbene Belgrader Germanist Zoran Konstantinovic schrieb dazu: „Für diesen gebildeten und klugen Offizier konnten die wahren Verhältnisse, die verborgenen Machtkämpfe, die Gärung und Unzufriedenheit ob der Willkür und Selbstherrschaft des Despoten kein Geheimnis bleiben. Welche Haltung nimmt er nun ein? Verurteilt er, rügt er, versucht er zu bessern? Nichts von alledem. Er stellt sich ausschließlich auf die höhere Warte des Dichters. Er isoliert sich vollständig von den blutigen Ereignissen der Gegenwart.“

Lange Tradition

Ersetzt man in diesen Sätzen den preußischen Offizier durch einen österreichischen Schriftsteller, ergibt sich eine ziemlich exakte Beschreibung von Peter Handkes Verhältnis zu Milosevics Serbien. Das gilt auch für den Verdruss, den die gebildeten, liberalen Serben jener Zeit über Pirchs schönfärberisches Porträt ihres despotischen Fürsten empfanden. Er entspricht dem angewiderten Achselzucken, mit dem viele heutige Belgrader Intellektuelle inzwischen auf Handkes hagiographische Annäherungen an Milosevic reagieren, die in einem dümmlichen, die Öffentlichkeit suchenden Auftritt bei dessen Beerdigung in der serbischen Kleinstadt Pozarevac ihren Tiefpunkt fanden.

Es heißt nicht, derlei zu rechtfertigen, wenn man auf die lange Ahnengalerie hinweist, in der sie stehen. Nur gab es eben schon vor Handke viele Pirchs und nach Pirch noch viele Handkes. „Ich habe dieses unerzählte Land erzählt“, hat Handke einmal über seinen literarisch herausragenden Beitrag zu dieser serbisch-südslawischen Bibliothek gesagt, und auch der Suhrkamp-Verlag wirbt nun damit, durch das neueste Buch liege nun zum ersten Mal „ein journalistisch-literarisches Porträt der Menschen und der Lebensbedingungen in einer serbischen Enklave im unabhängigen Kosovo vor“.

Doch das stimmt nicht. Handke erzählt allein von sich. Das ist stellenweise wunderschön zu lesen. Velika Hoca aber bleibt unerzählt.

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