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Peter Handke: Die Geschichte des Dragoljub Milanović : Einer muss schließlich immer vor Gericht

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Bild: Verlag

Was geschah am 23. April 1999 in Belgrad? Peter Handke erzählt seine Geschichte des ehemaligen Direktors des serbischen Rundfunks, der für eine Tat verurteilt wurde, die andere begangen haben.

          Ist die Schnecke zu bestrafen, wenn man ihr das Haus zertritt? Ist es ihre Schuld, wenn sie sich ausgerechnet an der Stelle aufhält, an welcher der Fuß seinen Primat einfordert? Und ändert es etwas, wenn dieser Fuß nicht irgendein Fuß ist, sondern der Fuß der Weltgeschichte? Oder bleibt nicht die Vorstellung absurd, dass die Schnecke für ihr zertretenes Haus zusätzlich zum Schaden auch noch bestraft werden müsse? Ja, ist eine Geschichte, die mit der Verurteilung und Bestrafung der Schnecke endet, nicht zwangsläufig eine Farce?

          In der „Geschichte des Dragoljub Milanović“ erzählt Peter Handke von einer solchen Farce. Da der Leser nicht dabei war und auch nicht alle Details kennen kann, des genauen Hergangs und des anschließenden Gerichtsprozesses, der Anweisungen, die vor dem Unglück gegeben und befolgt wurden, ist diese Geschichte eine Farce aus Peter Handkes Blickwinkel. Und sie bleibt es, bis man die letzte der siebenunddreißig Seiten zu Ende gelesen und sie einem allerersten Realitätscheck unterzogen hat. Man mag zu Peter Handke stehen, wie man will, speziell aufgrund seiner umstrittenen Haltung zu Serbien: Er ist nun einmal das „Nein“, das hinschaut, das sich mit einfachen Wahrheiten nicht zufriedengibt. Das zeichnet ihn aus.

          Seit neun Jahren ist er Häftling

          Kommen wir also zur Geschichte des Dragoljub Milanović, des ehemaligen Direktors von Radio-Televizija Srbije, kurz RTS, der serbischen Radio- und Fernsehanstalt. Er wurde verurteilt und ins Gefängnis gesteckt für eine Tat, die andere begangen haben: nämlich wir. Seit neun Jahren ist er Häftling in einem Gefängnis seines eigenen Landes, wegen der nächtlichen Bombardierung seiner Fernsehanstalt durch die Nato am 23. April 1999.

          Das Bombardement erfolgte mit chirurgischer Präzision, wie Handke in seiner Erzählung nicht müde wird zu betonen. Aber wenn man sich just an der Stelle aufhält, an der das Skalpell angesetzt wird, dann fließt Blut; daran ändert auch die allergrößte Präzision nichts. Dragoljub Milanović sei bis heute die einzige Person, die für die Ereignisse des Krieges der „Nordatlantischen Verteidigungsorganisation“ gegen Jugoslawien angeklagt und verurteilt wurde, erklärt uns Handke. Zu zehn Jahren Gefängnis.

          Bilanz: sechzehn Tote und eben so viele Verletzte

          Worin bestand sein Vergehen? Milanović und seine Angestellten haben in der betreffenden Nacht, in der sie ins Visier der Nato-Bomber gerieten, gesendet. Das machen Rundfunksender: Sie senden. Und staatliche Rundfunksender senden staatlich sanktionierte Bilder. In diesem Fall Bilder, die in den Augen der Nato-Kommandeure „Feind-Propaganda“ darstellten. Was in der Natur der Sache zu liegen scheint. Der bedrängte Staat funkt Durchhalteparolen, der andere will Aufgabe: Konflikt programmiert.

          So gerieten Milanović und seine Station in die Zielsucher der Nato. Bilanz: sechzehn Tote und eben so viele Verletzte. Milanović selbst überlebte. Dafür wurde er vor Gericht gestellt, denn, so Handke, einer müsse schließlich immer vor Gericht gestellt werden. Aber gab es da nicht diese Anweisung von der übergeordneten staatlichen Stelle, aus der unmissverständlich hervorging, dass der Sender zu evakuieren sei? Und hat Milanović nicht fahrlässig dagegen verstoßen und die Gefährdung seiner Mitarbeiter in Kauf genommen? Peter Handke scheint leichtfertig über dieses Faktum hinwegzugehen. Aber dann: Die Evakuierungs-Anweisung trägt weder Herkunftssignum noch Unterschrift, ist anonym. Eine Fälschung? Ein Beweisstück, auf dessen wackeligen Beinen der Gang ins Gefängnis angeordnet wurde? Handke ist skeptisch. Sein Leser wird es zunehmend auch. Daher hätte man dem armen Mann gewünscht, dass sich wenigstens eines der Gerichte, die ansonsten in derartigen Fällen um Zuständigkeit buhlen, für zuständig erklärt hätte, als sich Milanović an sie wandte: vergeblich.

          „Kann das wirklich wahr sein?“

          Peter Handke ist nicht der Erste, der die bizarre Geschichte des Dragoljub Milanović erzählt; die Publizistin Daniela Dahn widmete ihr schon früher ein Kapitel ihres Buches „Wehe dem Sieger!“, und die kanadische Rechtsanwältin Tiphaine Dickson kritisierte das Bombardement des Senders wie auch den anschließenden Gerichtsprozess gegen Milanović aus völkerrechtlicher und juristischer Perspektive. Aber Handke wäre nicht Handke, wenn er seiner Erzählung nicht einen spezifisch literarischen Dreh geben würde, mittels dessen das Geschehen gleichsam als Film vor dem geistigen Auge des Lesers abläuft und die geballte Paradoxie der Ereignisse sich eine Schneise in sein Gehirn schlägt: „Kann das wirklich wahr sein?“

          „Ich klage an“, schrieb Émile Zola 1898, zu einem Zeitpunkt, als die Öffentlichkeit noch nicht ahnen konnte, welche Abgründe sich hinter der Affäre Dreyfus verbargen. So weit geht Handke nicht, sondern gibt sich moderat: Er erzähle nur eine Geschichte, die Geschichte eines Unrechts. Und fügt hinzu: „Gott gebe es, nicht als Letzter.“ Ein Wunsch, dem wir uns anschließen.

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