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Peter Hacks und André Thiele: Der Briefwechsel 1997 – 2003 : Stalin unter den Kleinodien

Bild: Verlag

Diktator mit Mumps und die deutsche Spätaufklärung: Peter Hacks und André Thiele tauschen im Briefwechsel Kampfesgrüße zwischen Quatsch und Revolution aus.

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          Man schlägt den Band irgendwo auf. Am 23. August 1999 schreibt André Thiele an Peter Hacks unter anderem: „Bei den Reimen müssten Sie mir helfen, mir scheint, einige sind nicht Dumas seine.“ Man kann aus diesem einen Satz eine normative Stilistik des Briefes entwickeln. Setzt man als Absicht des Schreibenden voraus, dem Partner eine Suggestion der räumlichen Nähe zu geben, dann ist die fingierte Mündlichkeit schon von der Gattung erfordert. Der Liebesbrief wird geschrieben, als sei er ins Ohr der Geliebten geflüstert, und auch ein erfreulicher Brief zwischen erwachsenen Männern kommt ohne diese Mündlichkeitsfiktion nicht aus; er muss ein reizendes Chaos sein zwischen gediegenster Bildung, eingestreuten altertümlichen Wendungen und aktuellstem Fernsehklatsch, von grammatischer Konzinnität und charmanter offensichtlicher Unbeholfenheit: „Dumas seine“. Und es ist dieser Stil, der verlorengeht; denn unten bricht fast die Alphabetisierung weg, und oben wird die Bildung fetischisiert, als sei nicht gerade ihre leichte Neigung, die wie auch immer fabrizierte Illusion der Spontaneität, schöner als die geglättete Korrektheit.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Umkreis der brieflich verhandelten Gegenstände aber schrumpft. Was die Menschen betrifft, von denen hier die Rede ist, oft in herrlich indiskretem Klatsch (Hacks: „Lollobrigida hatte einen bedeutenderen Busen als Wagenknecht, dafür aber nicht so viel romantische Natur in demselben“), so mögen es siebzehn mehr oder weniger untereinander verkrachte Altkommunisten sein; ginge es um die feindliche Partei, so hätte Hacks gewiss von einer „Koterie“ gesprochen.

          Keine Angst vor der „Verschwörungstheorie“

          Die literarischen Themen sind vor allem um die deutsche Spätaufklärung gruppiert und bewegen sich zwischen dem milden Christoph Martin Wieland und dem spitzigen Saul Ascher. Die Wahl dieser geistigen Formation war in gewisser Weise zwingend. Denn hier war der ferne Spiegel zu finden für den Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution, der Hacks nach dem Ende der DDR stets vor Augen stand. In eine einfache Formel gebracht, erschien ihm die deutsche Romantik als eine Einflussagentur der Briten, während die Spätaufklärer als „IM’s“ von Napoleon auftreten. Napoleon ist ein europäischer Revolutionskaiser wie der Stalin der Jugend von Hacks, auch Erinnerungen an das chinesische Kaisertum werden aufgerufen. Und da Thiele durch seinen französischen Vornamen und weitere Herkunft dem westlichen Nachbarn verbunden ist, ergab sich gleichsam eine vitale Solidarität in dieser Frage.

          Die Lektüren, über die Hacks und Thiele sich austauschen, gehen sehr in die Einzelheiten der spätaufklärerischen Netzwerke, das Illuminatengeflecht um 1790 wird aufgerollt und als Kaderorganisation der Aufklärung erkannt. Naturgemäß kommt das Thema der Freimaurerei auf. In einer wunderbar bündigen Formulierung gelingt Hacks eine Charakterisierung, die Bände von Forschungsliteratur ersetzt: „Das ganze maurerische Wesen trägt einen Widerspruch in sich. Es besteht aus Quatsch in den Riten und Revolution im Ziel.“ Und dann muss man wieder an die Fraktionen der DDR-Schriftsteller denken und an Machenschaften des KGB, von denen Hacks annahm, dass sie früh auf die Liquidierung der DDR hinausliefen: „Kein Mensch hätte Illuminaten von Rosenkreuzern aus ihren Reden unterscheiden können. Wenn man indessen spricht: die Rosenkreuzerei, das ist der englische Geheimdienst, der Illuminatism der französische, dann wird alles wieder einfach.“ Das sind auch deshalb so erfreuliche Sätze, weil sie überhaupt zu einer Bestimmung, einem Befund kommen, ohne sich von vornherein vor dem Kinderschreckwort „Verschwörungstheorie“ zu fürchten.

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