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Peter Hacks I : Er denkt also, wie er will

  • -Aktualisiert am

Zwölf Zeilen eines Gedichts können eine halbe Bibliothek politischer Gemeinheiten aufwiegen. Warum wir Peter Hacks neu lesen müssen: Annäherung an einen einschüchternd brillanten Dichter, der unser letzter Klassiker war.

          6 Min.

          Warum haben wir Peter Hacks nie kennengelernt? Weil er uns von Haus und Hof gejagt hätte. Schon bei Augenschein. Er hatte seine Vorkehrungen.

          Warum kennen wir, fünf Jahre nach seinem Tod, Peter Hacks' Werk immer noch nicht? Weil uns abstößt, was er zu Stalin und zur Mauer, zu Dubcek und zu Biermann gesagt hat. In seinen Texten patrouillieren immer noch tollwütige Wachhunde und machen aus flüchtigen unweigerlich flüchtende Leser: Ulbricht-Lob und Mauerepiphanie („der Erdenwunder schönstes“), Terroristensympathie, vermutlich auch mit Bin Ladin - wohin man sich wendet, überall verbissenes Querulantentum.

          Nach der Wende schließt er alles aus seiner Gegenwart aus außer Sahra Wagenknecht. Sein Freund André Müller sen. soll nicht nur herausfinden, welche Bücher sie liest, sondern auch, welche Männer sie mag. Hauptsache, nicht die falschen. Damit die DDR wiederauferstehen könne, müsse „Gysi als der Mann entlarvt“ werden, „der im Auftrag der Russen die DDR gestürzt hat“. So endet es - was nicht ohne Witz ist, bei einem großen Dramatiker - mit der konsequenten Verwechslung von Anfang, Mitte und Ende.

          Liebt man denn, wenn man gehasst wird?

          Warum sollten wir jetzt seine Bekanntschaft machen? Dafür gibt es einen Grund, den man nicht erklären, aber zeigen kann:

          Beeilt euch, ihr Stunden, die Liebste will kommen.
          Was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer?

          Herunter da, Sonne, und Abschied genommen.

          Verstehst du nicht, Tag, man verlangt dich nicht mehr.
          Mit seinen Droschken und Schwalben und Hunden

          Wird mir das ganze Leben zum Joch.

          Schluß mit Geschäften. Beeilt euch, ihr Stunden.

          Und wärt ihr Sekunden, ich haßte euch noch.

          Ich kann nicht erwarten, den staunenden Schimmer

          In ihrem zärtlichen Auge zu sehn.

          Verschwindet, ihr Stunden, am besten für immer.

          Die Liebste will kommen, die Welt soll vergehn.

          Die Frage ist, ob diese paar Zeilen eine halbe Bibliothek von politischen Gemeinheiten aufwiegen. Die Antwort lautet, dass neunzig Worte in der richtigen Reihenfolge mehr wert sind als zehntausend Worte in der falschen. Das Letztere ist Gesellschaft, das Erstere ist Kunst. Es braucht viel Rechenkapazität, um aus neunzig einfachen Worten ein solches Gebilde zu machen. In der deutschen Literatur dauerte es von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu dem Tag, da Hacks dieses Gedicht schrieb. Es ist, nach Maßgabe strengster Kriterien: vollendet. Es vermag in zwölf Zeilen die Ungeduld des Liebenden in eine Ungeduld des Gedichts zu verwandeln, ein Text, der beim Lesen selbst immer schneller zu fließen scheint und dabei das Wunder zustande bringt, Liebesausbruch und Wutausbruch in eine einzige Form zu bringen.

          Liebender und Liebeslyriker

          Hacks war ein Liebender und ein großer Liebeslyriker, bewegte sich also unter reinen Konkurrenzgesichtspunkten in umkämpftem, bis heute trotz partieller Verdrängung immer noch von Brecht und Goethe gehaltenem Terrain. Sein genialer Einfall war, als Brecht-Liebes-Kenner (denn was man einmal gelesen hat, kann man nicht mehr verleugnen) Goethe das Liebesthema streitig zu machen. „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“, das meistgespielte Stück der siebziger Jahre, ist nichts anderes als die Demontage von Liebeslyrik mithilfe der Liebe. Wo Liebe ist, kann keine Lyrik sein. Also der umgekehrte Versuch: das, was vollendet wurde, durch Liebe kaputtzumachen, damit es wieder anfange.

          Frau von Stein, die ihren Goethe liebt, wird selbst lyrisch nur, indem sie seine Liebeslyrik zerpflückt wie einen welken Rosenstrauß, und wenn es jemals einen Ingenieur der Seele gab, dann Hacks hier, bei diesem Stück. In seinen „Rechtfertigungen gegenüber Belinden“, einem der wichtigsten Aufsätze über Liebesliteratur überhaupt, schreibt er: „Leidende Liebe ist der elendste Poet, sterbende Liebe der vollkommenste . . . Fürchten Sie den Tag, Belinde, wo meine Sonette auf Sie so untadelhaft sein werden, wie die des Petrarca. Sobald ich die Wirkungen meiner Kunst voll zur Hand haben werde, sind die der Ihrigen vermutlich eben am Ende.“

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