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Neuer Roman von Peter Høeg : Führ mich in die wirkliche Wirklichkeit

Was geht in diesen Köpfen vor? Peter Høegs neuer Roman entwickelt die Vision einer Durchschaubarkeit unseres Bewusstseins, die an Albträume gemahnt. Bild: Srivas Chennu

Ein schlaues Spiel auf mehreren Ebenen: Peter Høegs neuer Roman „Durch deine Augen“ erzählt Science-Fiction von gestern mit Bedenken von heute. Es geht um den Zugang zum kollektiven Bewusstsein der Menschheit.

          Er ist nicht nur der Mann für Geschichten im Grenzbereich der Vernunft, sondern auch der Spezialist für starke Frauen. Nach Peter Høegs Geschmack müssen die allerdings eine Doppelbegabung haben. Sie müssen über eine außergewöhnliche Auffassungsgabe für die Fachrichtung Naturwissenschaften verfügen, bei gleichzeitiger ungewöhnlicher Empfänglichkeit für im weitesten Sinn übersinnliche Phänomene.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dafür dürfen sie auf dem Feld der eher alltäglichen Emotionen leicht zu kurzgekommen sein. Das war schon so bei seinem Erstling „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ aus dem Jahr 1992, mit dem der Däne, Jahrgang 1957, einen Weltbestseller landete. Und das zeichnete auch die Protagonistin seines bisher letzten Romans, „Der Susan-Effekt“, 2015 aus. Nun gibt es in „Durch deine Augen“ eine Lisa, die diese Komplexität perfekt in sich vereinigt.

          Lisa leitet in der Nähe von Kopenhagen ein „Institut für neuropsychologische Bildgebung“, in dem bei strengster Geheimhaltung und staatlicher Millionensubventionierung Versuchsreihen mit Menschen stattfinden. Sie ist keine gewöhnliche Therapeutin, denn sie erforscht das Bewusstsein dieser Menschen mit Hilfe einer hypertechnischen Apparatur, die Bewusstseinsströme dreidimensional, in einer Art Hologramm, darstellen kann.

          Eintritt in eine höhere Wirklichkeit

          Das geschieht mittels einer etwas altmodisch anmutenden Kostümierung, einem verkabelten Helm und Kittel, die es Lisa möglich machen, in das Bewusstsein ihrer Patienten virtuell einzutreten, mit ihnen dort auch durch Sprache zu kommunizieren und so deren verschüttete Traumata zugänglich zu machen.

          Peter Høegs Markenzeichen: Starke, weibliche Charaktere – so auch in seinem neuen Roman „Durch deine Augen“.

          Und Høeg geht es um noch weiterreichende Perspektiven, die sich mit dieser Methode eröffnen: „Wir können uns ins Bewusstsein eines Menschen begeben und haben von dort aus möglicherweise auch Zugang zum kollektiven Bewusstsein. Zum Bewusstsein der Menschheit als solcher. Die Konsequenzen sind zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht zu ermessen. Wenn wir sie ermessen können, geben wir die Ergebnisse frei. Vorher nicht.“

          Die Geschichte, die in Lisas Institut kulminiert, ist, wie bei Høeg nicht anders zu erwarten, mit beachtlicher Spannung aufgeladen. Zwei Handlungsstränge sind verflochten; einer liegt drei Jahrzehnte zurück, der andere findet in der Gegenwart statt. Im Mittelpunkt stehen eben Lisa, der Ich-Erzähler Peter und Simon, Peters einstiger Pflegebruder. In ihrem Kindergarten heißen die drei der „Club der schlaflosen Kinder“, weil sie keine Mittagsruhe finden können.

          Allerdings können sie auf spirituelle Weise in die dritte Dimension von Bildern eindringen – wie, sinnreich genug, in einen „Dschungel“ des dänischen Malers Hans Scherfig –, und sie können in die Träume anderer hineingehen, damit sogar eine noch nicht eingetretene, künftige Wirklichkeit beeinflussen. Das Leben, ein Traum? Oder umgekehrt? Schon auf der Wahrnehmungsebene der Kinder geht es um Angst und Tod, auch wenn sie dafür noch keine Begriffe haben. Ohne den zarten Hauch von Esoterik macht es Høeg auch diesmal nicht. Das muss man nehmen wollen, dann hat man einiges Vergnügen an der Story.

          Einblick in die Schattenseite Dänemarks

          „Durch deine Augen“ beginnt damit, dass der Ich-Erzähler als Erwachsener seinen Kinderfreund Simon in einer psychiatrischen Klinik besucht, nach dessen Selbstmordversuch. Peter bringt ihn in Lisas Institut; Lisa akzeptiert Simon als Patient. Vor allem aber erwählt sie Peter zum Begleiter bei ihren Forschungen.

          Es kommt im Versuchsraum zu immer mehr holographischen Begehungen des Bewusstseins anderer Menschen. Zunehmend wird Peter klar, dass Lisas Forschung nicht nur dem Segen der Menschheit dient, sondern mindestens ebenso der Suche nach dem Erinnerungsvermögen an ihre Kindheit, das ausgelöscht wurde. Høeg macht aus Lisa das faszinierende Zentralgestirn seines Romans, mit aller Schärfe ihrer Ambivalenzen.

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