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Neuer Roman von Peter Høeg : Führ mich in die wirkliche Wirklichkeit

Etwas zu ausführlich fallen diese „Sitzungen“ aus, an denen Peter schließlich in dichtem Rhythmus teilnimmt. Es sind mitunter brutale Schilderungen von Vergewaltigung oder Notzucht an Kindern, von Kriegsszenarien, die im Bewusstsein der Patienten auftauchen. Man versteht Høegs Absicht, ein Schlaglicht auf „Dunkeldänemark“ zu werfen, wie schon in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, auf die hinter der blitzsauberen Fassade verborgene Schattenseite seines Heimatlands.

Die Zukunft von gestern

Und man muss durch ausgedehnte Gespräche zwischen Lisa und Peter, in denen, neben den Kindheitserzählungen Peters, jene „wirkliche Wirklichkeit“ vorkommt, jenseits rationalen Zugriffs: „Es hatte nichts mit Verständnis und Sinn zu tun. Verständnis und Sinn sind Flaschenhälse, Verengungen, und zuweilen ist die Wirklichkeit zu groß, um durch so eine Verengung schlüpfen zu können.“ Manchmal ist sie aber auch so klein, dass Høeg Banalitäten und gutmenschlichen Sentenzen nicht entkommt.

Einigen Reiz entfaltet der Roman im ständigen Ineinandergleiten der Geschehnisse in Raum und Zeit, das ihm seinen Suspense gibt; man kommt nicht leicht weg davon. Dazu gehört das schlaue Spiel, wie es der Autor auf mehreren Ebenen betreibt. So heißt es immer wieder, die aktuelle Handlung ereigne sich „dreißig Jahre später“, nämlich nach der gemeinsamen Zeit der siebenjährigen Kinder. Als einschneidendes Ereignis erinnert sich der Ich-Erzähler Peter an die Kubakrise; die Welt stand gleichsam still vor dem drohenden Atomkrieg.

Die Kuba-Krise datiert auf den Oktober 1962. Das Wiedersehen von Lisa, Peter und Simon als Erwachsene muss also – jedenfalls in der realen Zeitachse – bereits Anfang der neunziger Jahre angesiedelt sein. Womit, unter der Hand, auch auf der Erzählebene das Feld der vergangenen Zukunft aufgemacht wäre; Lisas Institut ist dann Science-Fiction von gestern.

Geschriebene Selbstreflexion

Und es geht Høeg wieder um die Sprache und ihren Zugriff auf das, was Wirklichkeit heißt. Wie die Erinnerung bloß ein Konstrukt des einzelnen Menschen, gar der Menschheit sein kann, findet der Ich-Erzähler in „Durch deine Augen“ ständig neue Ansätze, andere Formulierungen, um sich dem Phänomen der „wirklichen Wirklichkeit“ anzunähern. Damit verweist der Autor Høeg auf die Fiktionalität seines Romans.

Er treibt dieses Flirren noch weiter, indem er dem Ich-Erzähler – dessen eigentlichen Beruf man nicht erfährt – seinen eigenen Vornamen „Peter“ gibt. Damit nicht genug, lässt er den kleinen Simon Peters Mutter, gegen deren Wunsch, als „Frau Høeg“ ansprechen. Er provoziert nachgerade die Gleichsetzung von Autor und Ich-Erzähler, die er schon mehrfach zurückgewiesen hat.

Dass Peter Høeg so schreiben kann, dass ihm schwer entkommt, wer nur ein wenig Sinn für paranormale Phänomene hat, ist keine Neuigkeit. Er schafft eine Benutzeroberfläche – eine Matrix, wenn man so will –, unter der die Phantasien im Leser befeuert werden. Das Konzept, dafür ein brennendes Thema wie den Fortschritt in der Neuropsychologie und deren Anwendungsgebiet zu wählen, geht durchaus auf.

Allerdings lässt Høeg das Problem der Macht und mithin des Machtmissbrauchs weitgehend aus, das in transpersonalen Versuchsanordnungen liegt, würden sie erst real. Peter stellt sich solche Fragen zwar mitunter. Doch seine Erwägungen schweifen dann eher ab in den zwischenmenschlichen Bereich. Denn Lisa ist, wie gesagt, eine starke Frau. Und auch im Spannungsfeld der schwierigen Liebe kennt sich Peter Høeg recht gut aus.

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