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Peter Goldsworthy: Ernster als Liebe : Die Vergangenheit ist ein fremdes Land

  • -Aktualisiert am

Bild: Deuticke

Hasenjagd bei ungklärter Schuldfrage: In Peter Goldsworthys Roman „Ernster als Liebe“ bändelt ein Schüler mit seiner Lateinlehrerin an.

          3 Min.

          Verliebt in den Lehrer - das Thema ist alt, noch viel älter als der Police-Song „Don’t Stand so Close to Me“, in dem eine Schülerin einem doppelt so alten Pädagogen zu nahe kommt. In Zoe Hellers grandiosem Roman „Notes on a Scandal“ von 2003, der mit Cate Blanchett und Judi Dench verfilmt wurde, sind die Geschlechterrollen umgedreht: Eine junge Lehrerin gerät mit einem halb so alten Schüler auf einem verlassenen Abstellgleis in erotische Extase. Was also ist neu an Peter Goldsworthys aktuellem Roman „Ernster als Liebe“, in dem es zu ungesetzlichen Vorkommnissen zwischen dem knapp fünfzehnjährigen Robert Burns und seiner Lateinlehrerin Miss Pamela Peach kommt?

          Seine größte Freude am Schreiben, so erklärt der australische Autor, sei es, sich in vage Erinnerungen seiner frühen Kindheit und Jugend zurückzuversetzen und diese schriftstellerisch zu verbrämen. „Die Vergangenheit ist ein fremdes Land“ - so lautet das Zitat, mit dem Miss Peach ihre erste Stunde einläutet. Der Erforschung dieses Landes, hier die sechziger- Jahre in einer australischen Kleinstadt, nähert sich Goldsworthy aus der Perspektive eines hochpubertären, zugleich literarisch und naturwissenschaftlich begabten Jungen. Wenn man bedenkt, dass Goldsworthy morgens als Schriftsteller und mittags als Arzt tätig ist, glaubt man ihm gerne, dass der junge Burns und sein Verhältnis zur neuen Lehrerin auf autobiographische Wurzeln zurückgehen. Indem er die illegale Verbindung zwischen Lehrerin und Schüler aus der Sicht des (vermeintlichen) „Opfers“ darstellt, wagt sich Goldsworthy auf pikantes Neuland.

          Eine andere Art „Bunny“

          Jede dienstliche Beurteilung einer Lehrperson nimmt unter anderem Bezug auf deren „Erscheinungsbild“ - schließlich haben Pädagogen auch in dieser Hinsicht Vorbildfunktion: Miss Peach frisiert ihr Haar à la Audrey Hepburn, dazu trägt sie hautenge Skihosen und Pfennigabsätze, eine Kool-Zigarette dient als Lieblingsaccessoire. Als ob dieses Outfit für die Verführung der Minderjährigen einer spießbürgerlichen Kommune nicht schon ausreichte, kommt Pamela Peach ihren Schülern bei jeder Gelegenheit mit Lyrik - und während diese Gattung heutige Gymnasiasten haltlos gähnen lässt, atmen die von Miss Peach gewählten Verse den Atem der Freiheit und Rebellion. Robert Burns, Klassenbester, verharrt keineswegs in stummer Bewunderung: Anders als der schottische Dichter, dessen Namensvetter er ist, bombardiert er seine Lehrerin mit selbstverfassten Science-fiction-Erzählungen - ein typisch jugendlich-männliches Genre.

          Robbie ignoriert Miss Peachs Autorität und verhält sich alles andere als unterwürfig. Noch gar nicht lange ist es her, dass er regelmäßig auf Hasenjagd ging und sich mit dem Verkauf der abgezogenen Tiere das Taschengeld aufbesserte. Jetzt, so scheint es, macht er Jagd auf eine andere Art „Bunny“, indem er heimlich in Miss Peach’s Wohnung eindringt. Robbie ist ihr verfallen, aber er scheint weniger ihr Opfer als umgekehrt. Miss Peach selbst weiß ebenfalls, was es heißt, von jemandem besessen zu sein, ist sie doch vor ihrem Literaturprofessor, einem attraktiv-verruchten und natürlich verheirateten Herrn mit ergrauten Schläfen, in die australische Provinz geflohen. Der wiederum wird Opfer seiner eigenen Alters- und Alkoholschwäche, als es endlich darangeht, die Vereinigung mit seiner ehemaligen Studentin herbeizuführen.

          Standardisierte Meilensteine

          Die Schuldfrage in dieser Trias ist nicht zu klären - doch Robert Burns’ Vater ist Polizist und der Hüter von Recht und Ordnung in Penola. Selbiges Recht betrachtet Sex mit Minderjährigen als Vergewaltigung, unabhängig davon, ob der Akt mit oder ohne Zustimmung beider Beteiligten stattfand. Zwar mag auch dem Gesetzgeber bekannt sein, dass die Liebe hinfällt, wo sie will - Minderjährigen allerdings, so wird impliziert, sind der Liebe noch nicht mächtig. Tatsächlich hat auch Robbie Burns keine Ahnung von jenem ideologischen Konstrukt, das sich mit dem Label „Liebe“ schmückt. Was ihn an Miss Peach kettet, ist die körperliche Anziehung.

          Peter Goldsworthy hat tatsächlich einen großartigen Pubertätsroman geschrieben über, wie der junge Robbie sinniert, „diese standardisierten Meilensteine im Leben eines Jungen, die niemanden überraschen, außer mich natürlich“. Zugleich sind diese Einschnitte „Ernster als Liebe“ - auch und vielleicht gerade weil sie nur während einer begrenzten Lebensphase intensiv erlebt werden. Hineingenommen in Robbies Erfahrungen mit Miss Peach ertappt man sich bei der Frage, ob es vielleicht wirklich die Eltern und ihre Gesellschaft, und nicht die Jugendlichen selbst sind, die in der Pubertät anfangen, schwierig zu werden, indem sie sexuell akzeptable Konstellationen stark reglementieren. 

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