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Peter-André Alt: Ästhetik des Bösen : Die Weltliteratur ist böse dran

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H.Beck

Nur die Kunst im Sinn? Das kann finster enden: Eine mächtige Studie erklärt, wie das Böse in die Literatur gerät. Trotz teuflischer Zitierwut ist Peter-André Alt ein beachtliches Werk über die Ästhetik des Bösen gelungen.

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          In der Geringschätzung für das Nützliche besitzt das Böse eine beunruhigende Verwandtschaft mit dem Ästhetischen. „Teuflisch“, meinte Immanuel Kant, könne nur eine Gesinnung genannt werden, „die das Böse will, weil es das Böse ist“, „ästhetisch“, sagt er an anderer Stelle, nur eine Betrachtung, die sich dem Gegenstand zuwendet, weil er dem „interesselosen Wohlgefallen“ dient.

          Kein Wunder, dass eine artistische Praxis, die seit der Romantik bis in die Gegenwart auf „Autonomie“ und „starke Wirkungen“ pocht, sich zutraut, sogar ein vollkommen sinnloses Gewaltverbrechen „ästhetisch zu würdigen“. Man beginne allmählich einzusehen, schrieb der englische Dichter Thomas De Quincey 1827, „dass zur künstlerischen Vollendung einer Mordtat doch etwas mehr gehört als zwei Dummköpfe, einer, der tötet, und einer, der getötet wird, ein Messer, eine Brieftasche und eine dunkle Gasse. Formgebung, meine Herren, Sinn für Gruppierung und Beleuchtung, poetisches Empfinden und Zartgefühl werden heute zu einer solchen Tat verlangt.“

          Satirische Absicht mit radikaler Konsequenz

          Unverkennbar will hier satirische Absicht die radikalen Konsequenzen eines exklusiv ästhetischen Weltverhältnisses sichtbar machen. Als Beispiel für Haltungen, die moralisch Fragwürdiges allein mit Rücksicht auf den künstlerischen Geschmack ansehen, dürfte De Quinceys Provokation jedoch in einer „Ästhetik des Bösen“ Aufnahme finden.

          Unter ebendiesem Titel hat der Berliner Germanist Peter-André Alt eine überwältigend materialreiche Studie vorgelegt, die Herkunft, Wandlungen und Wirkungen unserer Vorstellungen vom Bösen nachzuzeichnen sucht. Alt ist Literaturwissenschaftler, es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er sich bei seinen Untersuchungen auf literarische Darstellungen des Phänomens konzentriert. Da allerdings, wie er - wohl nicht zu Unrecht - meint, poetische Texte in hervorragender Weise an der „Modellierung“, also an den Verschiebungen und Weiterungen unserer Begriffe arbeiten, könnte die Aufhellung ihrer Verfahren zugleich einen Beitrag zur „Bewusstseinsgeschichte der Moderne“ leisten.

          Wahrheit nur im Reich der Erscheinungen

          Deren Einsatzpunkt markieren die bekannten krisenhaften Umbrüche. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte sich die Erkenntnistheorie von Ansprüchen auf metaphysische Gewissheiten verabschiedet. Wahrheiten waren nur innerhalb des Reiches der Erscheinungen zu haben. Moralischen Halt musste das Subjekt in sich selber suchen, nachdem die Orientierungen des christlichen Weltbildes in einen Strudel der Erosion geraten waren.

          Dem Reflexionsaufwand, den eine auf Vernunftgründen ruhende Pflichtethik ihm abverlangte, stand die gebrechliche Anlage des von Affekten drangsalierten Menschen gegenüber. Und für die ästhetische Urteilskraft, die sich im Zeichen ihrer Selbstbestimmung aus den Schnüren der Gattungsreglements mit ihren pädagogischen Zwecksetzungen löste, begannen Hand in Hand mit einem rasant zunehmenden und zunehmend aufnahmebereiten Publikum die Abenteuer des Ausprobierens.

          Satansgestalten nur zur Anschauung gedacht

          In dieser historischen Situation, so Peter-André Alt, erfahren die Erscheinungsweisen des Bösen in der Literatur einen Wandel. Zwar hatte die Erkenntniskritik der Aufklärung die Realexistenz böser Wesenheiten wie Satansgestalten, Hexen und Dämonen längst als Aberglauben entlarvt, aber ihre Funktion als anschauliche, über manchen Abgrund des Denkens und Mutmaßens hinweghelfende Rationalisierungen keineswegs mit erledigt. Letzte glaubwürdige Verkörperung ist Alt zufolge Goethes Mephisto, der allerdings in seinen widersprüchlichen Masken und Rollen weniger als Antipode der Schöpfung auftrete, vielmehr „das menschliche Bedürfnis nach einer Gegenwelt zum Ausdruck“ bringe, die noch unbestimmt sei.

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