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Peter Altenberg: Das Buch der Bücher : Der Bizeps im Kopf ist einfach zu rege

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Telegrammstil der Seele: Peter Altenbergs Feuerwerk der Erzählkunst, von Karl Kraus zusammengestellt, liegt in einer neuen Ausgabe vor.

          Noch immer sitzt er in seinem einzigen Wohnzimmer, dem Café Central in Wien. Seinen Luchsaugen scheint nichts zu entgehen, auch wenn er sich hinter dem Walrossbart in Denkerpose verbirgt. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Besucher, dass es sich um keinen lebendigen Menschen, sondern um eine Puppe handelt, um ein Bildnis Peter Altenbergs, der hier zu Hofmannsthals und Schnitzlers Zeiten zum täglichen Inventar gehörte. Nicht nur Thomas Mann erlag seinem Charme mit „Liebe auf den ersten Laut“: So ging es vielen, die ihm zuhörten, ihm begegneten, und vielen, die bis heute seine impressionistischen Prosaskizzen lesen. Diese „blitzschnellen und hauchdünnen Parabeln“, wie Claudio Magris sie einmal nannte, sind einzigartig.

          Als „Extracte des Lebens“ im „Telegrammstil der Seele“ bezeichnet Altenberg seine Miniaturen selbst. Sie wirken wie ein Vergrößerungsglas über jenem Leben, das einer wie Hofmannsthal unaufhörlich als unendliches Geheimnis beschwört, aber niemals zu erreichen vorgibt. Bei Altenberg hingegen ist dieses Leben überall greifbar, plastisch, präsent - nie spektakulär in seiner Alltäglichkeit, sondern groß allein durch den scharfen Blick und den Fokus, für den sich sonst niemand Zeit nimmt im Vorübergehen. „Sich fortpflanzen?!?“ - fragt er sich einmal und antwortet: „Zeuge doch lieber den, der du selbst nicht hast werden können!“ Das ist Altenberg unbedingt gelungen. Wie kaum ein anderer entspricht er Elias Canettis Bestimmung des Dichters als „Hund seiner Zeit“, der in alles seine Schnauze steckt, der Kakanien und seine merkwürdigen Bewohner von unten aufs genaueste observiert. Vor allem tut er es aber mit Witz und Respektlosigkeit gegenüber sich selbst und der ganzen Welt. Wenn Hofmannsthal etwa 1892 in „Vorfrühling“ melancholisch den zarten Lebenshauch besingt, der alles durchweht, antwortet Altenberg ebenfalls unter dem Titel „Vorfrühling“: „Es riecht bereits nach Veilchen - - - / aber sie sind noch gar nicht da!“

          Heimische Gedankenarmut

          Solche „Splitter“ oder „Noch nicht einmal Splitter von Gedanken“ sind die kleinsten Einheiten in Altenbergs umfangreichem Werk. Kostprobe: „Aphorismen sind das, woraus, wenn es einem anderen einfällt, er einen langen Essay macht! Gott sei Dank fällt es ihm aber nicht ein!“ Viele solcher Gedankenblitze würden tatsächlich wunderbare Stoffe für Essays bieten, doch das hätte Altenbergs Ideal der Verknappung widersprochen. Zudem fehlten ihm dafür Zeit und Muße - der „Bizeps im Kopf“ war einfach zu rege, im nächsten Augenblick meldete sich schon eine neue närrische Idee. Gerade diese Offenheit und Unabgeschlossenheit machen den Reiz aus, wie bei einem pointillistischen Bild erkennt man das größere Panorama nicht aus einzelnen Farbtupfen, sondern nur aus angemessenem Abstand. Den garantiert jetzt eine fulminante neue Ausgabe, die gleichzeitig ein Fest der Buchkunst feiert. Neu ist sie dabei nur bedingt, denn geplant und konzipiert hat sie bereits Karl Kraus. 1928, zum zehnten Todes- und siebzigsten Geburtstag Altenbergs, betraute ihn der S. Fischer Verlag mit einer repräsentativen Auswahl aus den rund zweitausend Kurztexten seines Freundes. Die meisten waren zuvor in der Presse, dann in Einzelbänden mit so sprechenden Titeln wie „Märchen des Lebens“, „Wie ich es sehe“, „Neues Altes“ oder „Was der Tag mir zuträgt“ erschienen. Doch das Unternehmen scheiterte am Umfang. Kraus weigerte sich zu kürzen, der Verlag wollte weder drucken noch die Rechte freigeben. Nach zähem juristischen Ringen - jetzt minutiös nachgezeichnet von Rainer Gerlach in der Neuausgabe - durfte der Anton Schroll Verlag in Wien 1932 endlich die Hälfte der geplanten Edition veröffentlichen.

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