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Per Petterson: Ist schon in Ordnung : Die subversive Energie des Rock

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Bild: Verlag

Bob Dylan lässt grüßen: Der Norweger Per Petterson schreibt so lakonisch wie heiter übers Erwachsenwerden

          4 Min.

          Je prosaischer die Prosa im Allgemeinen wird, desto mehr fällt ein Autor ins Gewicht, der selbst einfachen, nüchternen Sätzen poetischen Auftrieb verleiht. Der 1952 geborene Norweger Per Petterson ist so ein Autor. Ihm und seiner Übersetzerin Ina Kronenberger verdankt man Lektüren, die die Saison überdauern, Bücher wie „Pferde stehlen“ und „Im Kielwasser“. Im Gefolge der Erfolge erscheinen nun auch frühere Werke in deutscher Fassung. „Ist schon in Ordnung“ aus dem Jahr 1992 ist ein Roman der Adoleszenz und bereits ein unverkennbarer Petterson, in der präzisen, an Hemingway geschulten Sprache sowie der Konzentration auf konflikt- und katastrophenträchtige Familienszenarien.

          Der Roman spielt zwischen 1965 und 1970 - Jahre des gesellschaftlichen und popkulturellen Umbruchs auch im Land des Granits, der Tannenwälder und der Fjorde. „Der Herbst kommt, und ich trage Zeitungen aus. Gerade ist Jimi Hendrix gestorben, im Radio läuft Hey Joe“, heißt es zu Beginn. Die Zeitungen schreiben über den Vietnamkrieg, die Schüler debattieren über Imperialismus und hissen zum Schrecken der Lehrerschaft die Fahne der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“ auf dem Schulhof. Der junge Audun Sletten, die Hauptfigur, ist das Kind seiner rebellischen Zeit, gewappnet mit Jeans und Sonnenbrille. Mit dem proletarischen Bewusstsein treibt er es allerdings nicht so weit wie sein Kumpel Arvid. Der wohnt mit seinen Eltern in einem Reihenhaus und hat Sorge, wegen des Balkons könnten sie schon zur Oberschicht gehören. Aber Audun beruhigt ihn: Ein Balkon von dreieinhalb Quadratmetern katapultiere einen noch nicht gleich in die Oberschicht, schon gar nicht, wenn der Vater in der Bürstenfabrik arbeitet. Dieser beste Freund Arvid Jansen, der hier die Nebenrolle hat, wird in den späteren Romanen Pettersons zum Alter Ego des Autors - und bürgt hier bereits für eine leichte Ironie beim Rückblick auf die Zeit der Klassenkämpfe.

          Erschwerte Bedingungen, die aber auch zum poetischen Mehrwert beitragen

          Gar nicht in Ordnung sind in Pettersons Romanen die Vatergestalten. Auduns Vater ist ein Säufer, Prügler und Herumstreicher, der die Angehörigen in Angst versetzt, wenn er - „schwarz und dünn wie eine Messerklinge“ - zwischenzeitlich mal wieder auftaucht, blaue Augen verteilt und mit der Pistole um sich schießt. Irgendwann einmal muss aber auch diese Schreckgestalt ein Charmeur gewesen sein, der die Mutter bezauberte, wenn er auf dem Akkordeon Tango spielte. Einmal kommt er nachts ins Kinderzimmer und steckt seinen Söhnen Geld zu - die Jungen sind begeistert, so ein lieber Papa, das kennen sie ja gar nicht. Worauf er nur schäbig lacht, ihnen das Geld wieder wegnimmt und rausgeht. So ist er, wenn er seinen menschenfreundlichen Tag hat. Trotz alledem ist auch dieser Vater in einigen Momenten eine Art verwilderte Sehnsuchtsgestalt, umweht von einem Geruch nach Wald, Harz und Tabak.

          Der Roman erzählt von einer Jugend unter erschwerten Bedingungen, die aber auch zum poetischen Mehrwert beitragen. Auduns Mutter schlägt sich durch mit Putzstellen und tröstet sich mit Alkohol und Opernarien. Wenn im Nebenzimmer Maria Callas, Jussi Björling oder Kirsten Flagstad in die Vollen gehen, hält Audun mit Bob Dylan und „Like a Rolling Stone“ dagegen: „An diesen Song reicht kein anderer heran. Er ist so voller Hass, dass ich Lust hätte, mich sofort auf die Bank zu legen und Gewichte zu stemmen.“ Kann man besser sagen, wie die rebellische Energie des Rock funktioniert?

          Pettersons Realismus entwickelt beinahe phantasmagorische Züge

          Wiederholt ergreift Audun die Flucht vor den Familienverhältnissen. Als Dreizehnjähriger lebt er in den Sommerferien in einer selbstgebastelten Bude aus Kartons am Eisenbahndamm, wie ein Huckleberry Finn, der ja ebenfalls unter einem schlimmen, versoffenen Vater zu leiden hatte. Und wenn auch diese Flucht jäh wieder im schmerzhaften Griff des Vaters endet, dann entwickelt Pettersons Realismus beinahe phantasmagorische Züge.

          Es gibt aber noch einen anderen Fluchtweg: den in die Literatur. Audun liest begeistert Jack London, er will kurz vor dem Abitur die Schule verlassen und Schriftsteller werden: Raus ins Leben, um darüber zu schreiben. Der Gymnasiast geht in die Fabrik, in die große Druckerei - wo die „Proletarier“ nicht gerade auf ihn gewartet haben. Er wird schikaniert und gemobbt, muss um Anerkennung kämpfen, auch im wörtlichen Sinn der Prügelei. Von der gepriesenen Solidarität ist jedenfalls wenig zu spüren. In ernüchternder Form beschreibt Per Petterson in diesen Passagen die Arbeitswelt. Ausgiebig werden die Abläufe an den Maschinen geschildert, es kommt zu Pannen, Bränden und Unfällen. Einmal muss Audun drei angegammelte Finger wegräumen, die ein paar Tage zuvor einem Arbeiter von einer Maschine abgerissen wurden.

          Vom sexuellen Erwachen ist kaum etwas zu spüren

          In der Mitte des Romans ertrinkt Audun beinahe (und vielleicht ein bisschen zu symbolträchtig) in einem reißenden Fluss. Sein jüngerer Bruder Egil stirbt bei einem Autounfall, sein Vater wird tot im Wald gefunden. Auf die Beerdigung und das Szenario des Abschieds läuft der Roman zu. Aber obwohl er viel durchzumachen hat, lässt Audun sich nicht unterkriegen. Er findet anderswo Hilfe und Zuspruch, und so scheint ihm das Leben insgesamt „schon in Ordnung“ - ein lakonisch-existentieller Gestus, wie man ihn auch aus den späteren, immer leidgetränkten, aber nie sentimentalen Romanen Pettersons kennt.

          Mit beiläufiger Prägnanz erzählt er von den Ritualen des Übergangs zum Erwachsenenalter. Dies ist ein Autor, der auf jedes Wort achtet und so lange an seinen Sätzen feilt, bis sie leicht, rund und selbstverständlich klingen. Ein Autor, der von Gefühlen nicht redet, sondern sie den Leser spüren lässt. Das Gefühlsereignis dieses Romans ist neben der Vater-Angst die ruppig-herzliche Freundschaft zwischen Audun und Arvid, ein schöner Quell der Verlässlichkeit. Vom sexuellen Erwachen, sonst ein großes Thema in Coming-of-Age-Romanen, ist dagegen kaum etwas zu spüren. Wenn sich ein Mädchen für ihn interessiert, wird Arvid schroff. Auch die angetrunkene Frau Karlsen, die sich ihm beim Zeitungsaustragen anbietet, weist er so harsch wie hilflos in die Schranken: „Ich würde deine schrumplige Haut nicht anrühren, nicht für viel Geld!“ Obwohl er sich doch kürzlich noch alles Mögliche mit ihr vorstellen konnte. In einigen Momenten epiphanischer Naturerfahrung - einmal geht ein Pferd durch und stürmt direkt auf Audun zu, er kann es aber gerade noch durch einen Zuruf bändigen - scheint bereits die ganze erzählerische Magie dieses Autors auf. „Ist schon in Ordnung“ ist schon in Ordnung, und mehr als das: eine willkommene Bereicherung für Petterson-Leser.

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