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Per Petterson: Ich verfluche den Fluss der Zeit : Von der Schwierigkeit, einen Baum zu fälllen

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Per Petterson zählt seit seinen Romanen „Sehnsucht nach Sibierien“ und „Pferde stehlen“ zu den bekanntesten norwegischen Autoren. In „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ führt er das Nachdenken über das Leben konsequent fort.

          Vor zehn Jahren erschien der erste Roman von Per Petterson auf Deutsch, „Sehnsucht nach Sibirien“, ein Buch voller Freuden und Schrecken, voller Überraschungen. Es spielt im dänischen Frederikshavn, teilweise unter der deutschen Besatzung, aber Petterson will nicht die Politik, sondern die Menschen erkunden. Fasziniert steht der Leser vor seinen Figuren wie die Ich-Erzählerin des Romans vor ihrem geliebten schlafenden Bruder: Nackt und unverhüllt liegt er vor ihr, doch für sie bleibt er fern.

          Oft genug erscheinen einem nicht nur die anderen unerforschlich, sondern ist man sich auch selbst ein Rätsel. Pettersons Durchbruch nicht nur in Deutschland war vor drei Jahren der herausragende Roman „Pferde stehlen“. Kann ich „als Hauptperson meines eigenen Lebens hervortreten“, oder nimmt ein anderer diesen Rang ein? Diese Einleitungsfrage aus Dickens’ „David Copperfield“ zitiert die Tochter des knapp siebzigjährigen Trond, ohne zu wissen, dass es die Grundfrage seines Lebens ist.

          Das Rätsel Mensch

          Der neue Roman führt dieses Nachdenken über das Leben konsequent fort. Aus trauernder und skeptischer Reflexion wird radikaler Lebenszweifel. Diesmal setzt sich ein Sohn, Arvid heißt er (der noch in anderen Romanen Pettersons vorkommt), mit seiner Mutter auseinander. Beide, Mutter und Sohn, haben auf ihre Weise existentielle Probleme. Sie hat gerade erfahren, dass sie Magenkrebs hat, wenn schon, dann hätte sie, die Raucherin, eher mit Lungenkrebs gerechnet. Die Dänin fährt zunächst in ihr Ferienhaus bei Skagen, um allein zu sein. Ihr Sohn steht derweil kurz vor der Scheidung von seiner Jugendliebe. Jetzt fährt er mit seinen Töchterchen durch die Gegend und singt mit ihnen alte Beatles-Lieder, und wenn er dann wieder zu Hause ist, kneift er die Augen zusammen, denn es „war ohnehin nicht schwer zu erkennen: Sie wollte mich nicht mehr haben“.

          Pettersons lässt seine Romane gern vor einem großen historischen Hintergrund spielen: Besatzungszeit, Jahrtausendwechsel, hier ist es der Fall der Mauer. Aber die geschichtlichen Ereignisse sind höchstens eine Art symbolische Grundierung. Den Mauerfall kriegt Arvid kaum mit, wichtig ist, dass bei ihm alles zusammenbricht. „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ ist die überwältigende Geschichte eines großen Versagens, in seiner Folgerichtigkeit packender als alles, was wir von Petterson auf Deutsch bislang lesen konnten. Arvid ertrinkt beinahe im Brackwasser, bevor er merkt, dass er da eigentlich stehen kann. Die Rede zum fünfzigsten Geburtstag seiner Mutter, sorgfältig vorbereitet, geht in die Binsen, weil er volltrunken ist, das Einzige, was er ihr sagen kann, ist: „Ich kann mich an nichts von dir erinnern.“ Schon als Junge lernt er, „herunterzuschlucken“ und zu tun, „als wenn nichts wäre. Dann sah es aus, als hätte das, was ich tat, einen Sinn, eine Richtung, aber das hatte es nicht.“ Seine natürliche Ernsthaftigkeit lässt die Sinnlosigkeit nur noch sinnloser erscheinen. Seine Ohnmacht zeigt sich zuweilen ganz wörtlich. In der eindrucksvollsten Passage dieses eindrucksvollen Buchs fällt Arvid die Kiefer am Ferienhaus, noch nie hat er einen Baum gefällt, zweimal verliert er bei der Ackerei das Bewusstsein, und fortschaffen kann er den Stamm auch nicht, die Kiefer bleibt einfach liegen. Seine Mutter, die sie seit langem weghaben wollte, dankt es ihm kaum: „Sie hatte die Kiefer schon vergessen.“

          Sinnlosigkeit der Erinnerung

          Dass sich alles zu wiederholen scheint, ist für Arvid das Schlimmste: „Ich nahm denselben Weg noch einmal, den ich vor wenigen Stunden gekommen war. Es fühlte sich etwas lächerlich an, als käme ich nicht voran, sondern wiederholte nur, was ich schon einmal getan hatte.“ Und in diesem Buch hilft auch die Erinnerung nicht mehr. Der „Fluss der Zeit“, ein Mao-Zitat, ist unaufhaltsam und grausam. Irgendwann trifft Arvid einen ehemaligen Freund, nur um festzustellen: „Unsere Freundschaft war zu Ende, und ich vermisste sie sogleich, das, was sie einmal gewesen war, das, was aus ihr hätte werden können, aber alle Sommer waren verschwunden, und nicht nur, weil ich sie nach 25 Jahren vergessen hatte, sondern weil es keinen Sinn mehr hatte, sich an sie zu erinnern.“

          Im Grunde brauchte man nur diesen schlichten Satz zu zitieren, um dieses wunderbare, melancholische, hoffnungslose, aber nie eisige Buch zu verstehen, das so groß ist, weil es den Menschen eigentlich gar nicht durchleuchten oder gar sezieren will und ihm so vielleicht am nächsten kommt.

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