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Paul Ingendaay: Die Nacht von Madrid : Zu früh für Prophezeiungen

  • -Aktualisiert am

Bild: Piper Verlag

Gebrauchsanweisung für Spanien in der Krise: Paul Ingendaays Erzählungen „Die Nacht von Madrid“ sind bei aller Lakonie doch zutiefst menschlich.

          3 Min.

          Paul Ingendaay, der viele Jahre Kulturkorrespondent dieser Zeitung in Madrid war, geht nicht nur zu Premieren und Ausstellungen, sondern auch in die Stierkampf- und Fußballarenen, in die Grauzonen und Rotlichtbezirke, wo das wahre Leben brodelt und Blut und Tränen fließen. Nach zwei hochgelobten Romanen über Marko Theunissens Jugend im katholischen Internat („Warum du mich verlassen hast“) und seine „Romantischen Jahre“ als Versicherungsvertreter in Kleinhoek wagt er sich diesmal in eine Welt, in der es nicht nur um Pubertätsdramen und Lebensversicherungspolicen geht, sondern um richtige Männer und echte Probleme: Eifersuchtsdramen und Erpressung, Raubüberfälle und Messerstechereien. Die ältesten der zehn Erzählungen entstanden noch vor Ingendaays erstem Roman, die jüngsten erst letztes Jahr; sie handeln von entführten Geschäftsleuten und taffen Taxifahrern, Luxus-Callgirls und Callcenter-Angestellten. „Die Nacht von Madrid“ ist ein Gegenprogramm zur kleinbürgerlichen Melancholie am Niederrhein: eine Gebrauchsanleitung für Spanien in der Krise.

          Paul Ingendaay erzählt von Armut, Einsamkeit und Arbeitslosigkeit, von Suppenküchen, Steuerhinterziehung und organisiertem Verbrechen, von Taxifahrern, die für einen Hungerlohn ihr Leben aufs Spiel setzen („Eine Art Rettung“), und von Strandgutsammlern an der Atlantikküste, die mit Metalldetektoren das Glück suchen und dabei der Drogenmafia in die Quere kommen („Zu früh für Prophezeiungen“). Aber die sozialen Milieustudien und traurigen Schicksale der Erniedrigten und Beleidigten interessieren ihn weniger als die psychischen und moralischen Folgen der Krise: die Augenblicke, in denen verzweifelte Menschen über sich hinauswachsen und ihre verhärteten Herzen weich werden. „Mein System ist leben und leben lassen“, beschreibt ein Taxifahrer einmal seine Überlebensphilosophie. „Ruhig bleiben, sich nicht einmischen. Nicht über Fußball reden.“ Die Krise (oder auch nur ein ekliger Käfer in der Küche) bricht die eingefahrenen Gewohnheiten und Reflexe auf, wirft alle Routinen, vertrauten Rituale und Rettungspläne über den Haufen. Aus kleinen Missverständnissen entstehen Verbrechen aus Leidenschaft, Ehedramen, Familienkatastrophen. Aber sie bringen oft auch das Beste im Menschen hervor: Anstand, Zivilcourage, schlichte Herzensgüte, „Tapferkeit und Erkenntnis“.

          Anders als erwartet

          Die titelgebende „Nacht von Madrid“, die längste und beste der zehn Erzählungen, ist düster und melodramatisch wie ein Film noir. Emilio war in seiner Jugend ein begnadeter Fußballer, aber nie ein Mannschaftsspieler: Einsam und unnahbar zog er seine Kreise. Ein einziges Mal wollte er mehr als „leben und leben lassen“, und schon wurde er schuldlos schuldig. Sein Hochmut, der „einzige freie Mensch unter Sklaven“ zu sein, sein Wahn, es mit der Nacht von Madrid aufnehmen zu können, wurden dem „Einzeltier“ zum Verhängnis und brachten der Frau, die er liebte (wie fast alle Frauen bei Ingendaay heißt auch die Edelhure Cristina), den Tod. So müssen die Retter und Helfer, die sich in bester Absicht gegen das Schicksal von Schweigen, Lähmung und Angst stemmen, oft teuer für ihren Irrtum bezahlen. In „Auf der Hochzeit eines Freundes“ etwa will ein red- und vertrauensseliger Taxifahrer nur die Ex-Freundin des Bräutigams ein wenig trösten: Er macht sich zum Komplizen einer rachsüchtigen Stalkerin und das Fest zur Bluthochzeit.

          Manchmal glaubt man rasch zu wissen, wohin der Hase läuft; aber am Ende dreht Ingendaay die Erzählung durch kleine Schlenker und Perspektivwechsel noch in eine ganz andere Richtung. „Es wird nicht lange dauern“ beginnt als dilettantische Entführung und endet als Männerdrama; „Eine Mutter“ scheint nur eine Satire über Callcenter und Warteschleifen der Verzweiflung zu sein, aber dann findet die einsame alte Frau ausgerechnet in der Servicewüste eine Oase der Menschlichkeit. Die edle Spenderin in „Tina hilft“ ist ärmer dran als der in jeder Hinsicht bedürftige Oscar; der spanische Macho auf dem Straßenstrich Kubas hat vielleicht ein empfindsameres Herz als die pragmatisch nüchternen „Mädchen von Havanna“.

          Sie reden und reden

          Auch Ingendaay ist nicht der coole, harte Hund, als der er sich manchmal gibt. Sein Vorbild, der Minimalist Raymond Carver, schrieb mit lakonischer Trockenheit über Suff, Scheidungen und Verzweiflung in den Vorstädten (und das, was Ingendaay einmal in einer Besprechung „symbolische Wiedergutmachungen und Epiphanien“ nannte). Ingendaay neigt bei ähnlichen Gelegenheiten doch hin und wieder zum Zeigen, Erklären und Trösten: „Warum ist der geliebte Mensch oft fern von uns, wenn Gott uns prüft?“ In seinen Romanen durfte der Internatszögling und Versicherungsvertreter Marko schon mal sentimental und geschwätzig werden; auf der kurzen Prosadistanz fallen Abschweifungen und romantisches Pathos schwerer ins Gewicht.

          Symptomatisch dafür ist die Erzählsituation, oft ein Treffen alter Freunde oder ein Telefongespräch unter Freundinnen. Der lange Anlauf vor der eigentlichen Story, die informelle, quasimündliche Rollenprosa, die „doppelt codierten Botschaften“ sorgen für atmosphärische Dichte, gehen aber auch auf Kosten der lakonischen Tiefenschärfe. Unter Freunden, an der Bar, zündet man gern noch eine Zigarette an und bestellt noch ein Bier nach, wenn einer von Schuld und Sühne zu erzählen beginnt. Aber die Nacht von Madrid ist eigentlich zu kurz für Gesten kommunikativer Gemütlichkeit und zu dunkel für tröstliche Fragen wie „Was ist mit der Welt, wenn es keinen Anstand mehr gibt?“

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