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Paul Celans Briefwechsel mit Klaus und Nani Demus : Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens

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Bild: Verlag

Dem unruhigen Dichter bis zuletzt die Treue gehalten: Der eindringliche Briefwechsel zwischen Paul Celan und dem Ehepaar Klaus und Nani Demus, sorgsam kommentiert und mit einem aufschlussreichen Nachwort.

          Wenn Du mich lieb gehabt hast in so vielen Jahren, wie ichs ja weiß, wenn Du meine Liebe gespürt hast: dann gib diesem Brief, dem schwersten meines Lebens, soviel Gehör als Du kannst. Ich habe Dir das Äußerste, das Allerletzte zu sagen. Alles hängt davon ab, daß Du mir glaubst. Was ich zu sagen habe, kannst Du mir wohl nicht glauben - es geschähe denn ein Wunder: weil diese winzigste Chance besteht, die letzte und äußerste, die meiner Freundschaft zu Dir aufgegeben ist, habe ich es zu sagen. Paul, ich habe den entsetzlichen ganz gewissen Verdacht, daß Du an Paranoia erkrankt bist.“

          Diese Worte richtet Klaus Demus im Juni 1962 an seinen Freund Paul Celan. Wer den Briefwechsel zwischen den beiden bis zu dieser Passage liest, wird die Domensionen seiner Tragik noch einmal deutlicher ermessen. Sie markiert das Zerbrechen einer über Jahre gewachsenen Verbindung, die mit Worten von Matthias Claudius beschreibbar ist: „Es gibt einige Freundschaften, die im Himmel beschlossen sind und auf Erden vollzogen werden.“

          Geblieben war nur die Sprache

          Als der gerade siebenundzwanzigjährige Dichter Paul Celan im Dezember 1947 über Rumänien und Ungarn in Wien eintraf, hatte er als staatenloser Jude alles verloren. Geblieben war ihm die Sprache, Muttersprache, Sprache von Hölderlin, Jean Paul und Rilke, und Sprache der Mörder an den Juden zugleich. In ihr wollte er dichten und publizieren. Alfred Margul-Sperber hatte von Bukarest aus Celan an Otto Basil in Wien empfohlen. Dieser veröffentlichte siebzehn Gedichte Celans unter dem Titel „Der Sand aus den Urnen“ im Februar 1948 in der Zeitschrift „Der Plan“.

          Der sieben Jahre jüngere Klaus Demus, zu dieser Zeit Student der Kunstgeschichte und der Klassischen Archäologie in Wien, war auf die Verse aufmerksam geworden und wollte Celan kennenlernen. Auf Vermittlung von Ingeborg Bachmann trafen sich die beiden zum ersten Mal. Demus schickte nach der zweiten Begegnung im Sommer 1948 Celan eines seiner Gedichte: „Und wieder steigt der Rauch aus der Schale des neuen Jahres“, in dem die Natur die Einsamkeit des sprechenden Ichs spiegelt und die Rede ist von „dunklen Vögeln, die sich selten klarsingen“. Celan reagierte freundlich, und doch, so will es rückblickend scheinen, deutet sich in seinem Antwortbrief schon an, was sich später auch in diesem Verhältnis niederschlagen wird: „Meine Vögel sind nicht weniger dunkel als die ihren, aber vom Klarsingen wollen sie scheinbar nichts wissen. Im Gegenteil: das schwärzeste Schwarz schwebt ihnen vor.“

          Einziger Sachwalter des deutschen Gedichts

          So beginnt ein Austausch zwischen zweien, der von Beginn an auch auf das Ringen um die eigene Dichtung gründete, in dem Solidarität und Anteilnahme bestimmend waren und, anders als etwa in Celans Verhältnis zu Ingeborg Bachmann, das literarische Fortkommen im Spiegel der Öffentlichkeit in Demus' Fall keine zentrale Rolle spielte. Er wird Kustos am Belvedere in Wien werden, seine dichterischen Bestrebungen hält er vom Brotberuf getrennt und wird „entschlossen in zwei Welten leben“, wie er in einem Brief schreibt. Der Jüngere, der sich in der Bildenden Kunst früh für die Moderne begeisterte, im Dichterischen weit mehr der Tradition zugetan blieb, tut Celan von Beginn an seine Bewunderung kund, und dies nicht nur im brieflichen Nachdenken über Dichtung, auch in seinem literarischen Schreiben, wie seine frühen, im vorliegenden Band abgedruckten Gedichte zeigen. Demus sah Celan als „einzigen Sachwalter des deutschen Gedichts, der deutschen Sprache“.

          Er wird auch nach dem langen, durch den eingangs zitierten Brief ausgelösten Schweigen seitens Celans, nach dessen wiederholten Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, nach seiner Trennung von Gisèle Lestrange, 1968 die Korrespondenz wiederaufnehmen, in verändertem Ton zwar, doch mit der gleichen Ehrfurcht: „Einer ganzen Generation hast Du das Wertvollste gegeben. Auch mir, Paul - seit ich die ersten Stücke im ,Plan' las, mit dem untrüglichen Gefühl, hier ist das Höchste, das wir suchen und brauchen, hier ist es da, für unsere ganze Zeit. Und so möchte ich Dir sagen, wie sie den Kinderkönig gebeten haben: ,Sprich zu uns.'“ Noch im Postskriptum zum Briefwechsel aus dem Jahr 2008 nennt Demus, der mit seiner Frau Nani in Wien lebt, Celan den „miglior fabbro“, anspielend auf T. S. Eliots berühmte Widmung für Ezra Pound in „The Waste Land“.

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