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Paul Auster: Sunset Park : Unsere Hypotheken verdanken wir dem Staat

Bild: Verlag

Paul Austers jüngster Roman „Sunset Park“ zeigt ein Amerika, in dem alle Generationen und Regionen unter den Auswirkungen der Krise leiden.

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          Es ist das Jahr 2008, in dem begann, was seither als Wirtschaftskrise wütet. Miles Heller ist achtundzwanzig Jahre alt, er hat vor siebeneinhalb Jahren das College verlassen und arbeitet in Florida für eine Entrümpelungsfirma. Sie handelt im Auftrag jener Banken, denen nach dem amerikanischen Immobiliendesaster die Häuser gehören, die von ihren bisherigen Eigentümern verlassen werden mussten. Diese Häuser sind voll von „aufgegebenen Dingen“, die Miles fotografiert. Inzwischen hat er Tausende solcher Fotos, von „Büchern, Schuhen und Ölgemälden, Klavieren und Toastern, Puppen, Teegeschirr und schmutzigen Socken, Fernsehern und Brettspielen, Partykleidern und Tennisschlägern, Sofas, Seidendessous, Fugenspritzen, Reißzwecken, Plastikmonstern, Lippenstiften, Gewehren, ausgebleichten Matratzen, Messern und Gabeln, Pokerchips, einer Briefmarkensammlung und einem toten Kanarienvogel am Boden seines Käfigs“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Seine Kollegen, die „drei Musketiere des Verderbens“, lassen verbotenerweise von diesen Sachen mitgehen, was sich irgend lohnt, Miles tut das nicht. Er hat „seine Bedürfnisse auf ein absolutes Minimum reduziert“. Das einzige, was er sich leistet, sind Bücher, und „Lesen ist eine Sucht, von der er keinesfalls geheilt werden möchte“.

          Es könnte sich eine große Geschichte entwickeln

          Der Anfang von Paul Austers Roman „Sunset Park“, der bereits 2010 in Amerika erschienen ist, lässt an Flucht denken, an Krieg und Nachkriegszeit. Das soll genau so sein. In einem Park in Miami begegnet Miles der siebzehnjährigen Pilar Sanchez, die zufällig mit demselben Buch neben ihm sitzt, das er schon zum dritten Mal liest, F.Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“. Es wird eine Liebe zwischen dem noch minderjährigen Mädchen, das zwei Jahre zuvor seine aus Kuba eingewanderten Eltern bei einem Autounfall verloren hat, und dem jungen Mann, der eine schlimme Geschichte als verschwiegene Bürde mit sich trägt.

          Es könnte sich aus diesen beiden zunächst nur vage umrissenen Schicksalen eine ganz große Geschichte entwickeln. Auster legt dafür alle Fährten aus, mit der von ihm erwarteten Virtuosität. Er beginnt ein Textgewebe, das Miles zurück in seine Heimatstadt New York führt. Ihm droht in Florida im Falle einer Denunziation eine Gefängnisstrafe, weil Pilar inzwischen mit ihm lebt. In New York kommt Miles bei seinem Jugendfreund Bing Nathan unter, der eine „Klinik für kaputte Dinge“ im Stadtteil Park Slope hat. Bing repariert dort auch alte Schreibmaschinen, für die Auster bekanntermaßen eine Vorliebe hegt: keineswegs das einzige autobiographische Motiv dieses Buchs.

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