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Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt : Schule des Sehens

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Zwischen Biographie und Filmsetting, Verführungskraft und erzählerischer Originalität: Folgt man Patrick Roth auf seiner amerikanischen Fahrt, erlernt man das Sehen neu.

          4 Min.

          Stellen wir uns vor, auf großer Leinwand: ein Mann, sein gesatteltes Pferd, eine Frau, ein Abschied. Vielleicht für immer, vielleicht geht der Mann in den Krieg. Er schaut noch einmal hoch, sieht die Geliebte nicht, weiß sie nur hinter dem verhangenen Fenster. Es ist eine Szene voller Pathos, mit lange draufgehaltener Kamera, die irgendwann vielleicht in die Ferne schweift, vom Fenster weg, in eine ungewisse Zukunft. Eine Szene aus dem amerikanischen Film, dem uramerikanischen Film, seiner Keimzelle: dem Stummfilm, der noch auf die Kraft der Bilder bauen muss, nicht aufs gesprochene Wort.

          Der Schriftsteller Patrick Roth, damals, 1972, noch Schüler in Karlsruhe, ist mit Fachbegriffen gut gerüstet, als er mit einem Freund, statt für das Abitur zu lernen, im Kino sitzt und diese Szene sieht. Noch kennen sie Griffith, den Regisseur, nur aus Büchern. Aber sie wissen wohl: Er ist der Stummfilmgott. Er hat die „Grammatik“ des Films erfunden.

          Die Schüler kennen verschiedene Erzähltechniken, sie drehen sogar selbst Filme. Deshalb ist die Erwartung an Griffith hoch. So hoch, dass Patrick Roth, als er endlich mit Verspätung im Kino sitzt, mehr sieht, als da in Wirklichkeit ist: Am rechten Filmrand zeigt sich eine Flamme wie „zitterndes Säulenlicht“, das den zum Fenster sehnsüchtig heraufblickenden Mann feurig von der Seite anfährt. Dann ist er vorbei, der heilige Moment, und Patrick Roth maßlos beeindruckt: Hat Griffith hier einen Effekt erfunden, der das „Vom-Gefühl-Durchstobenwerden eines Menschen“ visualisiert? Ja, so muss es gewesen sein.

          Nichts ist langweiliger, als wenn einem jemand einen Film nacherzählt. Es sei denn, er verliert sich dabei nicht in Details, sondern unterfüttert seinen Vortrag mit gezähmtem Enthusiasmus und erzählt in einer eigenwilligen Sprache, so dass man gar nicht merkt, wie man schon gelenkt wird und eben nicht nur eine Szene sieht, sondern hinter den betörenden Bildern die Menschen: die Macher und den Rezipienten; das, was schiefgeht oder klappt; vor allem: was wirklich berührt und warum. Und es kommt dann auch schön überraschend, wie Patrick Roth seine kleine Anekdote der vom Rande her erleuchteten Abschiedsszene auflöst: Griffith, muss er sich Jahrzehnte später eingestehen, hatte hier gar keinen genialen Spezialeffekt erfunden.

          Spiel mit Desillusionierung

          Die „Bildflamme“ war keine Bildflamme, sondern nur einfallendes Licht, entstanden wegen eines schlichten Fehlers im Material. Wie desillusionierend! Hier hört die Filmbeschreibung auf, und Patrick Roth fängt an: mit der nachgetragenen Deutung seines Missverständnisses nämlich, dem er, ganz nach C. G. Jung der geheimen Grammatik des Unbewussten vertrauend, nichts weniger als wegweiserische Kraft zuspricht: Drei Jahre später wird er selbst Abschied nehmen und Deutschland verlassen, wovon er freilich 1972 noch nichts wissen kann. Aber vielleicht wusste sein Unbewusstes, das die Abschiedsszene im Film durch die Bildflamme so mächtig aufladend potenzierte, mehr?

          Und schon sind wir mitten drin im Glaubenskosmos des Patrick Roth, der zuletzt mit „Sunrise“, seinem Roman über Jesus’ Vater Joseph, ein Zündwerk über die - vielleicht - „wahre Empfindung“ vorlegte. Spricht er über Filme, geht es etwas weniger feierlich zu, gleichwohl immer um solche Momente vollkommener Ergriffenheit: Seine lockeren „Stories eines Filmbesessenen“ mit Essays aus verschiedenen Jahren tasten nach der privaten Geschichte hinter den kollektiven Bildern, nach Patrick Roths „amerikanischer Fahrt“, die sein eigenes Leben genommen hat, seitdem er 1975 nach Amerika überwechselte. Hier hat er das „Cruisen“ schätzen gelernt, das lässige Herumfahren im Auto durch Landschaften mit wacher Aufmerksamkeit. Andere erwarteten dabei den Anblick einer hübschen Frau am Straßenrand.

          Geschichten mit Charme

          Patrick Roth bevorzugte seinerzeit das Halbversunkensein in Johann Peter Hebels „Kalendergeschichten“, die er sich selbst auf Band aufgesprochen vorlas, das Steuerrad in der Hand - Hörbücher gab es da noch nicht. Während dieser kalifornischen Fahrten bildeten sich die Grundlagen der Roth-Poetik heraus, die Faszination für die verschiedenen Ebenen, die miteinander in Beziehung treten: das Hören, das Sehen, die ständige Präsenz des Films in Hollywood-Land. Wie sie Patrick Roth ins Spiel lockt und welche Schlüsse er zieht, mag manchmal etwas abwegig anmuten.

          Gleichwohl entwickeln seine Geschichten nicht zuletzt kraft der Sprache einen eigenen Charme. Auf der Suche nach Beweisen und geheimen Vorzeichen für die unglaublichen Wendungen, die sein Leben und sein Lieben nehmen, entwirft er in seinen kurzweiligen Texten eine Schule des Sehens und Deutens. Mit ihr lässt sich die Verführungskraft von Bildern überhaupt begreifen: So, wie man Zufällen im Alltag gern ein Gewicht verleiht, durch eine Art Glaubensvorschuss, erreicht die pathetisch aufgeladene Abschiedsszene den Betrachter eben auch nur dann emotional, wenn er sie mit Eigenem verknüpft und sich verführen lässt - bereit, jeden technischen Aufwand auszublenden.

          Die Erforschung von Hollywoods Innenleben

          An der Schnittstelle zwischen eigener Biographie und Film, dem Roth verfallen ist mit der ansteckenden kindlichen Offenheit eines zur Anhimmelung der Stars jederzeit bereiten Teenagers, gelingt ihm eine erzählerische Originalität, die doch den Ernst der Sache erhält. Und sogar die Magie bewahrt, die man sich ja nicht gern nehmen lassen will - vielleicht die größte Gefahr solcher Texte über Filme. Roth wendet sie ab, indem er seine Reflexionen zu eigenen Geschichten weitet, „stories“ eben, die vom Einbruch der Wirklichkeit handeln, während sie noch die Illusion besingen. Mal besucht ihn ganz selbstlos eine junge Frau und hilft ihm beim Bücherpacken, und Roths eitle Gedanken werden ganz plötzlich aus der Fassung gebracht, als das Handy der Frau klingelt und ihre Mutter beim Besuch des Konzentrationslagers Unterstützung braucht.

          Dann wieder wird auf ganz anderer Ebene, in einem anderen Setting, Hitchcocks Büro eingeblendet: Jetzt plätschert dort die Kulisse zu „Jurassic Park“. Ganz nebenbei erklärt Roth die Erzählergeste Kurosawas, der uns „aus der Regeneinsamkeit der Anfangstotale“ lockt, hinein ins „Gemeinsamkeit-Nächste“ eines stillen Close-up. Sehr amüsant auch ein fingiertes Interview mit John Ford, der, grummelnd aus dem Jenseits geholt, gar keine Lust auf Fragen hat - dem Interviewer gelingt es trotzdem, seine Bewunderung zu formulieren, für ihn und die „Silhouette des Reiters“, die immer schon ein sehnsüchtiges Fernweh in Gang setzte. Roths Erkundungen holt er ein aus der halbseidenen Filmwelt, wo man sich am Eisschrank bei Dinnerpartys zum Plaudern trifft. Sie erforschen das Innenleben im Angesicht der Illusionsfabrik Film. Und sie markieren immer auch ihre eigenen Kratzer, sie verhehlen nicht die Fehler im Material. Darauf kann, darf, sollte man sich einlassen, falls vom Filmvirus infiziert - und auch sonst.

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