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Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt : Schule des Sehens

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Bild: Verlag

Zwischen Biographie und Filmsetting, Verführungskraft und erzählerischer Originalität: Folgt man Patrick Roth auf seiner amerikanischen Fahrt, erlernt man das Sehen neu.

          Stellen wir uns vor, auf großer Leinwand: ein Mann, sein gesatteltes Pferd, eine Frau, ein Abschied. Vielleicht für immer, vielleicht geht der Mann in den Krieg. Er schaut noch einmal hoch, sieht die Geliebte nicht, weiß sie nur hinter dem verhangenen Fenster. Es ist eine Szene voller Pathos, mit lange draufgehaltener Kamera, die irgendwann vielleicht in die Ferne schweift, vom Fenster weg, in eine ungewisse Zukunft. Eine Szene aus dem amerikanischen Film, dem uramerikanischen Film, seiner Keimzelle: dem Stummfilm, der noch auf die Kraft der Bilder bauen muss, nicht aufs gesprochene Wort.

          Der Schriftsteller Patrick Roth, damals, 1972, noch Schüler in Karlsruhe, ist mit Fachbegriffen gut gerüstet, als er mit einem Freund, statt für das Abitur zu lernen, im Kino sitzt und diese Szene sieht. Noch kennen sie Griffith, den Regisseur, nur aus Büchern. Aber sie wissen wohl: Er ist der Stummfilmgott. Er hat die „Grammatik“ des Films erfunden.

          Die Schüler kennen verschiedene Erzähltechniken, sie drehen sogar selbst Filme. Deshalb ist die Erwartung an Griffith hoch. So hoch, dass Patrick Roth, als er endlich mit Verspätung im Kino sitzt, mehr sieht, als da in Wirklichkeit ist: Am rechten Filmrand zeigt sich eine Flamme wie „zitterndes Säulenlicht“, das den zum Fenster sehnsüchtig heraufblickenden Mann feurig von der Seite anfährt. Dann ist er vorbei, der heilige Moment, und Patrick Roth maßlos beeindruckt: Hat Griffith hier einen Effekt erfunden, der das „Vom-Gefühl-Durchstobenwerden eines Menschen“ visualisiert? Ja, so muss es gewesen sein.

          Nichts ist langweiliger, als wenn einem jemand einen Film nacherzählt. Es sei denn, er verliert sich dabei nicht in Details, sondern unterfüttert seinen Vortrag mit gezähmtem Enthusiasmus und erzählt in einer eigenwilligen Sprache, so dass man gar nicht merkt, wie man schon gelenkt wird und eben nicht nur eine Szene sieht, sondern hinter den betörenden Bildern die Menschen: die Macher und den Rezipienten; das, was schiefgeht oder klappt; vor allem: was wirklich berührt und warum. Und es kommt dann auch schön überraschend, wie Patrick Roth seine kleine Anekdote der vom Rande her erleuchteten Abschiedsszene auflöst: Griffith, muss er sich Jahrzehnte später eingestehen, hatte hier gar keinen genialen Spezialeffekt erfunden.

          Spiel mit Desillusionierung

          Die „Bildflamme“ war keine Bildflamme, sondern nur einfallendes Licht, entstanden wegen eines schlichten Fehlers im Material. Wie desillusionierend! Hier hört die Filmbeschreibung auf, und Patrick Roth fängt an: mit der nachgetragenen Deutung seines Missverständnisses nämlich, dem er, ganz nach C. G. Jung der geheimen Grammatik des Unbewussten vertrauend, nichts weniger als wegweiserische Kraft zuspricht: Drei Jahre später wird er selbst Abschied nehmen und Deutschland verlassen, wovon er freilich 1972 noch nichts wissen kann. Aber vielleicht wusste sein Unbewusstes, das die Abschiedsszene im Film durch die Bildflamme so mächtig aufladend potenzierte, mehr?

          Und schon sind wir mitten drin im Glaubenskosmos des Patrick Roth, der zuletzt mit „Sunrise“, seinem Roman über Jesus’ Vater Joseph, ein Zündwerk über die - vielleicht - „wahre Empfindung“ vorlegte. Spricht er über Filme, geht es etwas weniger feierlich zu, gleichwohl immer um solche Momente vollkommener Ergriffenheit: Seine lockeren „Stories eines Filmbesessenen“ mit Essays aus verschiedenen Jahren tasten nach der privaten Geschichte hinter den kollektiven Bildern, nach Patrick Roths „amerikanischer Fahrt“, die sein eigenes Leben genommen hat, seitdem er 1975 nach Amerika überwechselte. Hier hat er das „Cruisen“ schätzen gelernt, das lässige Herumfahren im Auto durch Landschaften mit wacher Aufmerksamkeit. Andere erwarteten dabei den Anblick einer hübschen Frau am Straßenrand.

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