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Patrick Modiano: Der Horizont : Dinge, die nicht von dieser Welt sind

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Auf das Konto solcher Figuren lässt sich allerlei Unheil buchen: Patrick Modiano treibt in seinem Roman „Der Horizont“ ein weit komplexeres Spiel als bloß Vergangenheitsschau.

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          Es gibt Autoren, deren Bücher man kauft, weil sie die eigene Leseerwartung nie enttäuschen. Man weiß, was man hat, weil man es bereits hatte und in Zukunft wieder haben will. Es ist, als machte man jedes Jahr Ferien im selben Hotel, mit seinen Stammgästen, Gerüchen, Geräuschen, dem alterslosen und immer freundlichen Personal.

          Mit jedem neuen der komfortabel schmalen Romane des Franzosen Patrick Modiano, der in Deutschland erst vor knapp zehn Jahren durch Peter Handkes Übersetzungen bekannt wurde, stellt sich dieses Gefühl von gediegener Wiedersehensfreude ein. Das Wort „gediegen“ passt ziemlich gut zu Modianos Prosa. Denn immer ist es ein zufälliges Ereignis, das einen Menschen im reifen Alter an seine verflossene Jugend erinnert. Aus einem Strom irregulärer Erinnerungen setzt der Ich-Erzähler dem Leser dann eine oft mysteriöse, jedenfalls durch die zeitliche Distanz und das einsetzende Senilitätsproblem nicht eben lupenreine Geschichte vor. In letzter Zeit hatte sich Modiano à la Proust an den Biographien junger Frauen, beispielsweise junger Frauen im Zweiten Weltkrieg oder im Paris der sechziger Jahre, versucht. In seinem knapp 180 Seiten schmalen neuen Roman „Der Horizont“ wird die Rückblendenmaschine wieder von einem Mann bedient - wie sich andeutet, einem arrivierten Schriftsteller, in dem man ein Alter Ego Modianos erkennen kann, aber nicht muss.

          Poetologie des Sentiments

          Nach bewährter Rezeptur erinnert sich ein gewisser Jean Bosmans an sich selbst als „junger Hund“ (so ungefähr hieß einer der letzten Romane) und lässt Gesichter, Geschichten sowie sein eigenes Leben Revue passieren. Ihm geht es dabei nur bedingt gut, denn „Schwindel erfasste ihn bei dem Gedanken an das, was hätte sein können und nicht gewesen ist“. Dies ist die Poetologie des Sentiments, das gleichsam den Erzählanlass jedes Modiano-Romans bildet. Das Schwelgen in der Vergangenheit führt zu Kollektivierung und eben nicht zu erlesener Vereinzelung. Mit einem solchen Generationenvertrag gewinnt man seine Leser: Eine Jugend, Flausen, Fehltritte, obsessive Liebschaften, Illusionen - das sind Erfahrungen eines Jedermann. Und was folglich für Proust die Madeleine war, ist für den Leser nun Modiano selbst.

          Der Autor ist eine Art Medium, ein Mittel zur Erinnerung. Aufgrund seines Talents zur eleganten Vergangenheitsmeditation gehört dieser Franzose also unbedingt zu den Komfortschriftstellern des Dritten Lebensalters. Aber auch als jüngerer Leser empfindet man durchaus Rührung, wenn Modiano seine Figuren durch das „Vieux Paris“ der sechziger Jahre streifen lässt, vorbei an bekannten Fixpunkten wie den einschlägigen Metrostationen, Straßen, Plätzen und Stadtvierteln, auf die man damals noch nicht das Etikett der Gentrifizierung heften konnte, sondern wahlweise das des Fortschritts (La Défense), der Moderne (Bibliothèque Nationale) oder des Populären und Kleinbürgerlichen (Bastille).

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