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: Passion im Schützengraben

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Man muß sich Heinrich Böll als Zwilling Ernst Jüngers vorstellen. Das Gedankenexperiment spielt im Winter 2017: In seinem Eifelhaus feiert der Kettenraucher seinen Hundertsten. Staatskarossen fahren in Langenbroich vor. Der Gesandte des Vatikans würdigt Bölls Einsatz für den Weltfrieden, Karl Heinz Bohrer ...

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          Man muß sich Heinrich Böll als Zwilling Ernst Jüngers vorstellen. Das Gedankenexperiment spielt im Winter 2017: In seinem Eifelhaus feiert der Kettenraucher seinen Hundertsten. Staatskarossen fahren in Langenbroich vor. Der Gesandte des Vatikans würdigt Bölls Einsatz für den Weltfrieden, Karl Heinz Bohrer bekennt als Festredner seine geheime Liebe zum "Irischen Tagebuch", und Heinrich-Böll-Preisträger Rainald Goetz zitiert jenen Abschnitt seines 1983 geschriebenen Romans "Irre", in welchem "Herr Be" noch als Anführer einer ältlichen "Peinsackparade" auftritt.

          Erfolgreiche Wiederentdeckungen setzen immer die Verfremdung ihres Gegenstandes voraus. Im Falle Ernst Jüngers, zuvor als Gewaltverherrlicher abgestempelt, schuf das unwahrscheinliche Lebensalter des Autors die richtige Distanz für neugierige Beobachter. Daß eine gescheite Gesamtausgabe im Falle Bölls, als Friedensbringer des Deutschunterrichts verharmlost, einen vergleichbaren Einschnitt in der Rezeptionsgeschichte zeitigt, bleibt wohl ein Germanistentraum. Dennoch bieten bereits die ersten drei Bände der neuen Kölner Ausgabe in ihrem dunkelroten Leineneinband einen guten Abstandhalter zu jenen Taschenbüchern, denen der pädagogisch wertvolle Vorlesestoff bereits an den handkolorierten Titelbildern anzusehen war.

          Immerhin teilt Heinrich Böll mit Ernst Jünger, den er im Lesehunger der Kriegsjahre ausgiebig las, das Schicksal, daß seine Haltung zum Krieg das literarische Werk ins Abseits stellte - auch wenn die Kritik bei Jünger einen Überschuß an Ästhetik ausmachte, während sie Böll ein Überangebot an guten Absichten vorwarf. Mit der Kölner Ausgabe will der Verlag die Fixierung auf den Moraldiskurs auflösen und Böll aufs Schlachtfeld der Literatur zurückholen. Bereits die frühe Veröffentlichung des elften Bandes, der Bölls erzähltechnisches Abenteuer "Billard um halb zehn" enthält, setzt ein Zeichen für die Zeichenhaftigkeit - selbst wenn die Geschichte der Architektenfamilie Fähmel, die über drei Generationen hinweg Neubau, Zerstörung und Wiederaufbau eines Klosters betreibt, kein frühes Beispiel für eine Ästhetik der Dekonstruktion abgibt und der im Kommentar erwähnte "farblich differenzierte Strukturplan" Böll nicht zum deutschen Strukturalisten macht.

          Auch der vierzehnte Band, der mit den Texten der Jahre 1963 und 1964 eine Vielzahl literarischer Reflektionen und vor allem die "Frankfurter Vorlesungen" zur Poetik enthält, schiebt Fragen der Machart in den Vordergrund. Zwar stilisiert der Kölner Studienabbrecher, der sich 1946 in erster Linie wegen der Lebensmittelkarten für die Fächer Klassische Philologie und Germanistik einschrieb und bereits 1947 wegen verpaßter Rückmeldefristen die Exmatrikel erhielt, den Autor - "er hat keinen Apparat, keine Hilfstruppen" - als Antitypus des Akademikers gleichsam zum einfachen Fußsoldaten. Doch eine Gesinnungstäterschaft, welche die literarischen Tatwerkzeuge als austauschbare Nebensachen behandelt, weist Böll in seinem im "Tagesspiegel" erschienenen "Plädoyer für freigelassene Autoren, Leser und Romanfiguren" deutlich von der Hand: "Die Manifeste der Engagierten sind meistens so peinlich wie die Gegenerklärungen derer, die sich für nicht engagiert erklären."

          Trug denn Böll mit seiner sagenhaften Baskenmütze, Erkennungszeichen des linken Intellektuellen spätestens seit Sartre, den Begriff der engagierten Literatur nicht gleichsam auf dem Kopf? Vielleicht hilft die Erinnerung an jene französische Nebenbedeutung von Engagement, welche die Verpflichtung zum Dienst an der Waffe bezeichnet. Denn Bölls literarisches Werk nahm, wie der zweite Band mit den Frühschriften der Nachkriegsjahre 1946 und 1947 eindrucksvoll vorführt, in der verhaßten Gußform des Stahlhelms Gestalt an. Das hier versammelte unbekannte Material und vor allem der unveröffentlichte Roman "Kreuz ohne Liebe" bilden das eigentliche Neuland der Kölner Ausgabe.

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