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Pascal Merciers neuer Roman : Professor Kitsch

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Der Schriftsteller-Philosoph in seinem Arbeitszimmer: Pascal Mercier Bild: Denzel

Als Philosoph heißt er Peter Bieri. Als Bestsellerautor nennt er sich Pascal Mercier. In seinem neuen Buch „Lea“ macht der eine dem anderen wenig Ehre. Merciers Roman ächzt unter der Bedeutungsschwere, die Bieris philosophischen Schriften fremd ist.

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          Ein Philosophieprofessor hat in einem populären Fachbuch über das Handwerk der Freiheit einmal erklärt, was Kitsch ist. "Ein Wille ist kitschig, wenn er seinen Gehalt einem Klischee verdankt", und er führt als Beispiel an: "Man hat von Marie Curie gehört und will nun auch auf den Nobelpreis hin forschen." Ein Mensch sieht den Lebenslauf, das Bildnis eines sehr bedeutenden Menschen und beschließt: Das kann ich auch, ohne die Substanz, ohne eine Ahnung zu haben von Genie. "Der kitschige Wille ist auf rhetorische Selbstbespiegelung hin angelegt: Er muss mit vollmundigen Worten angestrahlt werden, um vom Publikum gewürdigt werden zu können.

          "Das hat der 1944 in Bern geborene Peter Bieri geschrieben, der an der Freien Universität Berlin einen Lehrstuhl für Analytische Philosophie innehat. Das Kitsch-Kapitel beginnt er so: "Es trifft uns, wenn wir zu hören bekommen, wir seien kitschig. Warum? Weil darin der Vorwurf enthalten ist, wir seien unfrei, ohne es zu merken." Eigentlich brauchte ein Philosophieprofessor einen solchen Vorwurf nicht zu fürchten. Doch Peter Bieri ist nicht nur Philosoph. Er ist auch, seit 1995 sein erster Roman "Perlmanns Schweigen" erschien, ein Schriftsteller, der unter dem Namen Pascal Mercier zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit aufgestiegen ist.

          Professorencowboys auf der Flucht

          Sein letztes Buch "Nachtzug nach Lissabon" hat sich in knapp drei Jahren mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft, dagegen wirkt selbst das Verkaufswunder "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann ein wenig blass. In Merciers Büchern geht es meist um Männer, Gelehrte oft, die es fortreißt aus ihrem gewohnten Gelehrtenleben in ein neues, abenteuerlicheres, irgendwie wesentlicheres Leben hinein. Professorencowboys auf der Flucht.

          Sein neues Buch heißt "Lea", und es kommen gleich zwei einsame Gelehrtencowboys vor, ein Chirurg und ein Professor für Biokybernetik, beide aus Bern, beide mit einem schweren Schicksal hinter sich und einer langen gemeinsamen Reise vor sich, auf der der Biokybernetiker seine Geschichte erzählt und der Chirurg seine immer wieder andeutet. Sie treffen sich in einem Café in der Provence, der Chirurg "betrachtet die Stämme der kahlen Platanen im bleichen Licht", erblickt kurz darauf den Professor, der ihn sofort an Tom Courtenay aus dem Film "The Loneliness of the Long Distance Runner" erinnert. So finden zwei Einsame zusammen.

          Schicksalhafte Momente

          "Froid" ist das erste Wort, das sie miteinander wechseln, und um Kälte und Einsamkeit wird es auf den nächsten 250 Seiten ausführlich gehen und um Schicksal, Genie, Nachfolge und die Frage, ob das alles so kommen musste: Die Frau des Kybernetikers ist gestorben, ihre gemeinsame Tochter Lea ist seitdem in tiefe Traurigkeit versunken, nichts, so scheint es, kann sie aus ihrem Schmerz befreien. Da hören Vater und Tochter eines Tages im Berner Hauptbahnhof einen Klang - die Klänge einer Geige, hervorgebracht von einer "geheimnisvollen Violinprinzessin", und der verlorengeglaubte Glanz in den Augen von Lea - kehrt zurück.

          Es ist ein schicksalhafter Moment, und Mercier lässt den Leser nicht eine Sekunde lang im Zweifel darüber, dass es sich um einen solchen handelt. "Ecoute" hatte die Tochter zunächst nur gesagt, und hier weiß der Leser noch nicht, dass in den bedeutenden Momenten in diesem Buch immer Französisch gesprochen wird. Zusätzlich steht das Wort kursiv, und das ahnt der Leser hier immerhin schon, dass an den sehr, sehr wichtigen Stellen im Buch immer alles kursiv gedruckt wird. Na, jedenfalls sagt sie also "Ecoute", und der Kybernetiker kann in der Aufgeregtheit seines Erzählens nicht an sich halten, und er erzählt, wie sie den Klängen der Geige folgen, und er fragt sich, was aus seinem Leben geworden wäre und aus Leas, wenn er damals den Klängen der Geige nicht gefolgt wäre.

          Ein Gedankenexperiment, das keines ist

          Er fragt es sich nicht einmal, er fragt es sich dreimal, viermal, und er wird es sich im Verlauf des Buches immer wieder fragen. Es ist ein Teil des Spiels, das der Philosoph Bieri mit einem seiner Lieblingswörter ein "Gedankenexperiment" nennen würde, nur leider wird hier nicht experimentiert. Hier wird einem Schicksalsgesetz gefolgt. Mit Genie experimentiert man nicht. "Wo stünde ich heute, wenn ich mich nicht der ungeheuren Herausforderung durch Leas Begabung gegenübergesehen hätte, der ich in keiner Weise gewachsen war?", fragt er sich und hat damit einen guten Teil der Geschichte, die nun beginnen soll, vorweggenommen.

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