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Ottessa Moshfeghs neuer Roman : Zwischen Wahn und Welt

Die Schriftstellerin Ottessa Moshfegh in ihrem Garten in Los Angeles. Bild: Jessica Lehrman /The New York Times

Eine alte Dame. Ein Mord. Aber keine Leiche. Ist alles nur ausgedacht? In ihrem neuen Roman „Der Tod in ihren Händen“ lässt Ottessa Moshfegh die Realitätsebenen unglaublich raffiniert verschwimmen.

          5 Min.

          Pareidolie ist nicht, wie mancher womöglich denkt, eine Krankheit, sondern ein Phänomen, das mit der Autovervollständigungsfunktion in unserem Gehirn zu tun hat.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Begriff beschreibt die Tendenz, in allen möglichen Dingen und Mustern Gesichter oder andere vertraute Objekte zu sehen. Natürlich kann daraus ein Zwang werden, so wie das passiert, wenn einer die Stimmen, die er im eigenen Innern zu hören glaubt, nicht nur metaphorisch meint.

          Es ist kein Zufall, dass einem so etwas einfällt, wenn man schon mal ein Buch von Ottessa Moshfegh gelesen hat und sich nun den neuen Roman „Der Tod in ihren Händen“ anschaut.

          Hellblau auf grünem Grund zeigt der Buchumschlag, wenn man den richtigen Abstand wählt, ein Gesicht, vermutlich weiblich; geht man zu nah heran, bleibt nur eine hellblaue Fläche mit ein paar grünen Inseln. Diese Erscheinung, der Anschein, dass etwas nicht das ist, wofür man es zunächst hält, ist einem aus Moshfeghs Büchern, aus dem Verhalten der Figuren nur zu vertraut. Was real ist, was Einbildung oder Wahn, da sollten sich Leser nie zu sicher sein.

          Nichts ist das, wofür man es hält

          Moshfegh, die im Mai vierzig Jahre alt wird, ist, wie es bei Wikipedia heißt, „die Tochter eines iranischen Violinisten und einer kroatischen Bratschistin, die sich an einer belgischen Musikschule kennenlernten“.

          Das klingt fast ein bisschen ausgedacht, ist es aber nicht; auch nicht, dass Ottessa Moshfegh, deren Familie nach der islamischen Revolution aus Iran in die Vereinigten Staaten einwanderte, nach ihrer Collegezeit in Wuhan Englischunterricht gab und in einer Punk-Bar jobbte. Diese Kontraste und Verknüpfungen sorgen für eine Unberechenbarkeit, die gut zu dem zu passen scheint, was man in ihren Büchern erlebt.

          Vier Romane, „Der Tod in ihren Händen“ eingerechnet, und ein Band mit Erzählungen sind es bisher. Sie haben die Autorin schnell bekannt gemacht und ihr den Ruf verschafft, die literarische Stimme ihrer Generation zu sein. Ob das nun stimmt, lässt sich nicht nachprüfen; dass sie einfach gut schreibt, dass ihre Geschichten einen unverwechselbaren Dreh ins Bizarre und Düstere haben, kann man leicht feststellen.

          Unzuverlässige Erzählerinnen

          Ihre Erzählerinnen und Erzähler sind bedingt sozialtaugliche, einsame Existenzen, sie sind auch ziemlich unzuverlässig, wie der betrunkene Seemann mit der Schädelverletzung in „McGlue“, der nicht mehr weiß, ob er einen Freund ermordet hat. Auch der Wunsch nach Identifikation mit einer Figur wird von Moshfegh hartnäckig unterlaufen. Die Titelfigur in „Eileen“ zum Beispiel, sie ist Sekretärin in einer Jugendstrafanstalt, ist nicht sympathisch, sie ist zwar vom Leben gebeutelt, aber auch egoistisch, grausam und ein bisschen pervers.

          Auch Vesta Guhl, die Ich-Erzählerin im neuen Roman, sollte man nicht einfach für die bedauernswerte einsame Witwe halten, als die sie anfangs erscheint. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie aus dem Westen in den Osten der Vereinigten Staaten gezogen, sie hat sich einen Retriever angeschafft, er ist ihr emotionaler Mann- und Kindersatz und darf in ihrem Bett schlafen.

          Wohin mit der Asche des Mannes?

          Sie hat ein nettes kleines Haus an einem See gekauft, ein trostloses Kaff liegt in der Nähe, in dem es nichts gibt als einen kleinen Laden, auch im Nachbarstädtchen herrscht Einöde. Vestas Alltag ist monoton: immer gleiche Gewohnheiten und Abläufe, keine Kontakte, keine Angehörigen. Nur die Urne mit der Asche ihres Mannes hat sie mitgenommen, um sie beizeiten im See zu verstreuen.

          Doch von den ersten Sätzen an stimmt etwas nicht. „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Das steht auf einem Zettel, den Vesta im Wald findet. Nur dass da gar keine Leiche ist. Alles, was Ottessa Moshfegh in ihrem Roman erzählt, steckt im Grunde in diesen ersten vier Sätzen. Sie werden immer wieder auftauchen, kursiv gesetzt, einzeln oder komplett, in leichten Variationen. Sie sind das Ausgangsmaterial, aus dem sich alles ergibt, sie werden hin- und hergewendet und auf mögliche Bedeutungen geprüft.

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