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Roman von Ottessa Moshfegh : Was willst du vom Leben, außer schlafen?

Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen: Der Dauerschlaf wird hier zum Selbstexperiment. Bild: Paul Bradbury/Caia Image/F1onlin

Rückzug auf zwei Quadratmeter: In „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ erzählt Ottessa Moshfegh von einer jungen Frau, die sich eine ungewöhnliche Auszeit nimmt.

          Die Vorstellung, die dieser Roman formuliert, ist verführerisch: ein Jahr lang nur schlafen; nichts tun, außer in Morpheus’ Armen zu schlummern, sich aller Aktivitäten und Zuschreibungen zu entziehen, und zu hoffen, dass im Zustand des Unwachen die Albträume ausbleiben. So in etwa sieht der kühne Plan der namenlosen Protagonistin im neuen Roman von Ottessa Moshfegh aus. Zwar scheint deren sechsundzwanzigjährige New Yorker Heldin auf den ersten Blick alles zu haben, was gesellschaftlich begehrenswert erscheint, eine schicke Wohnung an der Upper East Side, einen Job in einer Chelsea-Galerie, zudem ist sie vermögend und attraktiv, groß, blond, die Welt steht ihr offen. Und doch will sie dieser nun entsagen. Denn auch ein solch scheinbar glamouröses Leben ist, wie bald zu erfahren ist, von dunklen Flecken verschattet.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ihren Dornröschenschlaf plant die junge Frau akribisch, besorgt sich haufenweise Pharmazeutika, um Körper und Geist stumm zu stellen, und spannt zudem einen geschäftstüchtigen Künstlerfreund ein, der sie für ihr „Jahr der Ruhe und Entspannung“ mit dem Notwendigsten, vor allem mit Nahrung, aber auch Labello und Hautcreme für die kurzen Wachphasen versorgt. Als Gegengeschäft darf er sie fotografieren, während sie schläft.

          Zusehends psychopathische Züge

          Die 1981 in Boston geborene Schriftstellerin Ottessa Moshfegh, die einer iranisch-kroatischen Musikerfamilie entstammt, wird seit ihren Kurzgeschichten sowie den beiden Romanen „McGlue“ (2014) und „Eileen“ (2015) als starke Stimme der jungen amerikanischen Literatur gefeiert. Erzählte Moshfegh in ihrem sprachmächtigen Debüt von einem alkoholabhängigen Seemann und seinem Selbstekel angesichts einer grausamen Tat, die er womöglich begangen hat, handelt „Eileen“ von einer Frau, die zusehends psychopathische Züge annimmt. Auch Moshfeghs jüngste Heldin lädt nicht zur identifikatorischen Lektüre ein. Ihre müde Erzählerin ist vielmehr eine weibliche Dekadenzfigur, eine, die sich ihren Ennui leisten kann. Das hat seinen Reiz, birgt aber erzählerisch auch Schwächen.

          Denn so intrikat die Romanidee ist, so schwierig ist es, auf einer Strecke von mehr als dreihundert Seiten einer Existenz im Ruhemodus literarisch habhaft zu werden. Weshalb die Autorin sich allerlei Seitenstränge und Spiegelfiguren hinzuerfinden muss, um überhaupt zu einer Geschichte zu kommen. Da gibt es die eine, wohl beste Freundin der Erzählerin namens Reva, die sich all das wünscht, was der anderen nichts bedeutet. „,Wenigstens strenge ich mich an und versuche mich zu ändern, um das zu erreichen, was ich will‘, sagt sie. ,Und was willst du vom Leben, außer schlafen?‘“

          Schlaftabletten und Beruhigungsmittel

          Gerade in dieser Anstrengung aber wirkt die glücklose Reva, die nicht nur von ihrer verheirateten Affäre Ken sitzengelassen wurde, sondern auch ihre kranke Mutter pflegt, fast schon lächerlich neben der coolen, auch in ihrem Leid souveränen Erzählerin. Die hat Witz und Schärfe und Intellekt, sie ist eine Ego-Maschine, die nur um sich selbst kreist, während Reva auf sie beim Reden wie das Auf und Ab eines so vertraut wie vorhersehbar erscheinenden Film-Soundtracks wirkt, den sie schon hundertmal gehört hat. Tatsächlich ist die Erzählerin, die in ihrer Unfähigkeit, sich auf Menschen einzulassen, in ihrem Ekel und ihrer Langeweile nicht nur anderen, sondern sich selbst gegenüber destruktiv.

          Der Roman ist dabei nicht etwa in Moll geschrieben, sondern als grotesk-bittere Komödie angelegt. Für die Komik sorgen Buffo-Figuren wie beispielsweise Dr.Tuttle, eine ziemlich durchgeknallte New Yorker Psychiaterin, die von der Erzählerin im Telefonbuch gefunden wird und die nichts mehr fürchtet als die Präsenz von Mikrowellengeräten. Ihrer neuen Patientin verschreibt sie, ohne mit der Wimper zu zucken, ganze Batterien an Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln: Von Lithium über Haldol bis zu Alacetan, Maxiphen, Placidyl und Chloraldurat gibt es für ihre somnambule Kundin mit der Schwäche für Whoopi Goldberg nichts, was ihr für ihr Selbstexperiment vorenthalten würde.

          Stand anfangs nur die vage Idee im Raum, sich schlafend vor dem negativen Ansturm der Gedanken zu schützen, wird der Plan der jungen Frau immer realer. Denn die Traumata, die kurz unter der Oberfläche lauern und jederzeit aufpoppen können, entzünden sich an Verlusten, die sie nie überwunden hat: Die Eltern der Erzählerin sind früh verstorben, der Vater an Krebs, die Mutter durch Selbstmord, und auch ihr Freund erweist sich als ein zynischer Banker, der sich stets nur für die vorzeigbare Uptown-Beauté interessiert hat, nicht aber für deren Abgründe.

          Der Roman ist einerseits als Kritik an der schillernden Scheinwelt zu lesen, auch am sorglosen Umgang der Amerikaner mit Psychopharmaka. Zudem steuert die Handlung auf einen Schlüsselmoment der New Yorker Stadtgeschichte von welthistorischer Bedeutung zu – den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001. Und dass die Erzählerin zuvor in ihren Wachmomenten zu ahnen beginnt, dass sie als Schlafende ein Doppelleben führt und seltsame Dinge tut, gehört zu den reizvollen Momenten. Am Ende aber bleiben die Figuren hinter ihren Möglichkeiten zurück. Über ihre stereotype Zeichnung wachsen sie nicht hinaus, weil sie vor allem Positionen markieren. Das ist schade, da die Idee, eine schlafende Heldin literarisch lebendig werden zu lassen, bestechend ist.

          Ottessa Moshfegh: „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“, aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2018. 320 S., geb., 22,– €.

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