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Otfried Preußler: Ich bin ein Geschichtenerzähler : Wie wird man zum Lieblingsautor einer ganzen Generation?

Bild: Verlag

Von der Kunst, sein Publikum, egal welchen Alters, zu gewinnen statt zu überrumpeln: Der große Otfried Preußler erzählt aus dem Leben eines bescheiden gebliebenen Erfolgsschriftstellers.

          Von seiner Großmutter Dora, der Mutter seines Vaters, erzählt Otfried Preußler im kurzen Text "Ein Buch, das es nicht gegeben hat". Er berichtet darin von dem außergewöhnlichen Talent jener Großmutter als Geschichtenerzählerin, erwähnt den Schatz aus regionalen Sagen, über den sie frei verfügte und dem sie jeweils ein neues Gesicht zu geben wusste, und fügt schließlich einen merkwürdigen Zug an: Großmutter Dora, "eine bescheidene Frau, der es mitunter vor ihrer eigenen Phantasie ein wenig bange geworden sein mag", hätte steif und fest behauptet, alles von ihr Erzählte fände sich wortwörtlich in einem alten dicken Buch, das sie in ihrem Besitz habe.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Anfangs, schreibt der 1923 geborene Preußler, hätten sein jüngerer Bruder und er dies so hingenommen, später seien sie "hellhörig" geworden: "War es nicht merkwürdig, dass Großmutter, sobald wir sie um die Wiederholung einer Geschichte baten, die uns vor drei, vier Wochen besonders gefallen hatte, diese Geschichte zwar in der Regel wie damals beginnen ließ - dass sie ihr überm Erzählen aber entglitt, einen völlig veränderten Verlauf nahm?" Die Bitte ihrer Enkel jedenfalls, das alte Buch einmal einsehen zu dürfen, kontert die Großmutter listig und phantasievoll - mal ist es verliehen, mal einfach nicht aufzufinden, mal beim Buchbinder. Preußler aber erinnert sich dankbar an die Frau, von der er gelernt hätte, "wie man Kindern Geschichten erzählt".

          Spannungsbogen bis zur Pausenglocke

          Natürlich erzählt der Autor, dessen Bücher eine Gesamtauflage im zweistelligen Millionenbereich erzielt haben, der mit Werken wie "Die kleine Hexe", "Der Räuber Hotzenplotz" oder "Krabat" weltweit präsent ist und zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern überhaupt zählt, natürlich also erzählt Preußler dies nicht absichtslos. Und wenn man wollte, könnte man von hier aus ein Netz über weite Teile seiner Schriftstellerexistenz werfen: Da ist das Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, zwischen frei erzählter und fixierter Geschichte, das Preußlers Werke prägt - er pflegt seine Sätze auf langen Spaziergängen zu entwickeln, in ein Diktiergerät zu sprechen und sie hinterher abtippen zu lassen, um sie daraufhin abermals zu überarbeiten. Hinzu kommt die Interaktion zwischen Erzähler und Zuhörer, die auch Preußlers Anfänge prägt, als er sich im Klassenzimmer als junger Lehrer Respekt zu verschaffen wusste, indem er aufmüpfigen Klassen Geschichten erzählte - noch in den einzelnen Kapiteln des "Räubers Hotzenplotz" meint man den Spannungsbogen zu spüren, den eine jeweils fortgesetzte Geschichte zum Schulstundenende eben verlangt, bis die Pausenglocke läutet. Dass diese Struktur von Eltern, die das Buch über mehrere Abende als Gutenachtgeschichte vorlesen, dankbar angenommen wird, liegt auf der Hand. Und schließlich hat Preußler, der viel für den Rundfunk gearbeitet hat, immer wieder mit der Adaption eigener Geschichten zwischen den Medien zu tun gehabt, vom Buch zum Hörspiel und umgekehrt, und dabei notgedrungen einiges über die Möglichkeiten und Grenzen eines solchen Transfers gelernt.

          Unbekannt war bislang, wie umfangreich Preußler über all dies Rechenschaft abgelegt hat. Seine Töchter Susanne Preußler-Bitsch und Regine Stiglohner haben jetzt aus dem Archiv des Autors achtunddreißig Texte ans Licht gefördert, von denen einige schon verstreut publiziert worden sind, die meisten aber Preußlers Publikum neu sein dürften. Teils sind sie autobiographisch und werfen ein Licht auf die Herkunft des sudetendeutschen Autors, auf die Eltern, die beide als Lehrer gearbeitet haben, auf die Verwurzelung der Familie im nordböhmischen Reichenberg und auf die eigentümliche, von Preußler in einem späten Text beklagte Verfeindung der dort ansässigen Kulturen. Auch für die Vertreibung der deutschen Bevölkerung findet er deutliche Worte, wenn er von einem späteren Besuch im Elternhaus berichtet, das ihm der neue Bewohner bereitwillig öffnet und in dem noch die Preußlers Vater geschenkten Bilder hängen. Andere erzählen von der Entstehung einzelner Bücher, von Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb der jungen Bundesrepublik, von den Anfeindungen, denen sich der als "unpolitisch" geschmähte Autor in den Siebzigern ausgesetzt sah und von dem arbeitsethischen Fundament Preußlers.

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