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Ornela Vorpsi: Die Hand, die man nicht beißt : Westgummi hält länger

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Bild: Paul Zsolnay Verlag

Das Balkansyndrom: Die Albanerin Ornela Vorpsi erzählt in ihrem zweiten Roman vom guten Leben, das immer da ist, wo man sich selbst gerade nicht aufhält.

          Der Staub legt sich auf alles, auf die Schuhe, die Haare, unter die Fingernägel, auf den Atem. Die Leute leben dicht an der staubigen Erde. Sie riechen nach Schweiß und Grappa, neuerdings vermischt mit westlichen Parfüms. Von der aufdringlichen, schweren Sorte, versteht sich. Im Flugzeug gen Osten macht er sich breit, der Geruch von Füßen, für die nur ein einziges Paar billiger Schuhe existiert. Die neue Freiheit könnte Abhilfe schaffen, von den Gerüchen und dem Heimweh danach, doch wer ein echter Serbe, Bosnier, oder gar Albaner ist, der leidet im goldenen Westen am „Emigrantenkummer“. Die Freiheit, das gute Leben ist eben immer da, wo man selbst gerade nicht ist.

          Gestrandete der Emigrationsflut

          Darüber sinniert die Ich-Erzählerin des neuen Romans von Ornela Vorpsi während eines Fluges von Paris nach Sarajewo. Die Schriftstellerin, im Hauptberuf Fotografin und Videokünstlerin, muss es wissen: 1968 in Tirana geboren, lebt sie seit Anfang der neunziger Jahre im Westen, zunächst in Mailand, heute in Paris. 2007 erschien hierzulande ihr auf Italienisch verfasster, Aufsehen erregender Debütroman über das Heranwachsen in der kommunistischen Hölle Enva Hodschas. Darin erwies sie sich als spröde Sprachkünstlerin, als Dichterin der Prosa. In ihrem neuen Roman erzählt sie von den Gestrandeten jener Emigrationsfluten, die mit den politischen Zusammenbrüchen und den ihnen folgenden Kriegen auf dem Balkan in die westlichen Metropolen gespült wurden.

          In Sarajewo wartet ein in Mailand seelenkrank gewordener Freund, er verschanzt sich mit seinen Hunden zu Hause und will nicht mehr vor die Tür. Was ihm widerfahren ist, bleibt im Vagen. Doch anstelle als Psychodoktor zu agieren, schliddert die Erzählerin in eine Welt zurück, die sie längst hinter sich gelassen zu haben glaubt. Da vermischt sich der himmlische Geschmack des Börek mit der unangenehmen Erfahrung balkanischer Machismo-Variationen. Beim Abendessen fühlt sie sich an die Hochzeiten ihrer Kindheit erinnert: Erst liegt man sich in den Armen, und im nächsten Moment ballert man aufeinander los. „Auf dem Balkan ist das Drama die Tochter der Großzügigkeit.“ Die Alten haben zerfurchte Gesichter wie Figuren auf Bruegels Bildern, die Hunde sind dürr und verwahrlost, den Frauen liegt ein bitterer Zug um den Mund, selbst wenn sie lächeln. In der Erinnerung hingegen mutiert der Balkan zum melancholischen Sehnsuchtstopos.

          Die leeren Schubladen

          In Albanien konnte man noch von einem Zimmer voller Kaugummi träumen und tagelang auf einem heimlich ergatterten Westgummi herumkauen, auch wenn dieser schon lange nicht mehr nach Pfefferminze oder Erdbeeren schmeckte. Das bunte Einwickelpapier wurde zärtlich geglättet und liebevoll aufbewahrt, als Lesezeichen in einem Buch oder in einer jener Schubladen, die sich in den engen Wohnungen über Jahrzehnte mit allem möglichen Krimskrams füllten. Fern der Heimat fehlen den Schubladen die Geschichten. Und erst der Raki! Die ganze Welt schwört auf den albanischen Raki, nur in Albanien hat er seine Wirkung scheinbar verfehlt.

          Das schmale Bändchen, gut hundert Seiten, die kaum die Bezeichnung Roman rechtfertigen, liest sich flott, zuweilen bleibt man beim Lesen an einem Satz von herber Schönheit hängen. Doch fügen sich die Sätze und Anekdoten nicht zum Ganzen, irgendwie und irgendwo verliert die Erzählung vom Leben, das immer anderswo ist, ihren Faden. Den Figuren mangelt es an Gesichtern, der Handlung an Geschichten. Alle leiden am „Balkansyndrom“, an jenem „Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu sein“, nur dass die Welt davon nichts wissen will.

          Eintopf mit Schnaps

          Der geografische Raum kommt als Ansammlung von Aussagesätzen daher, als homogenes Kulturphantom, als Paprikaeintopf aus Armut, schnapsseligen Männern, Familien-Fehden und einer naiv-protzigen Sehnsucht nach Reichtum, die nicht davor zurückschreckt, marmorne Grabplatten zu plündern, weil sich daraus Badewannen herstellen lassen, wie man sie in westlichen Badezimmern vermutet. Den Letzten beißen in Sarajewo nicht die Hunde, die Hunde, die nicht beißen, sind am Ende die einzigen zu beklagenden Opfer dieser Maladie des Balkans.

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