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Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne : Ein Hund namens Europa

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Bild: Verlag

Die „Buddenbrooks“ von Istanbul: Orhan Pamuks Debütroman „Cevdet und seine Söhne“ liegt fast dreißig Jahre nach seinem Erscheinen endlich auf Deutsch vor. Er zeigt ein Panorama der türkischen Gesellschaft.

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          Mit Glück findet man in Istanbul in einem der kleinen Antiquariate oder bei einem Trödler einen der schmalen kolorierten Leporellos, die das Panorama des Bosporus von Sultanahmet bis Bebek zeigen. Von der blauen Moschee, dem Sultanspalast, dem Topkapi-Serail, der Brücke zum Goldenen Horn, dem Galataturm, der das Viertel der Italiener und Griechen bekrönt, über Beikta bis zum nach europäischem Vorbild am Ufer des Bosporus gebauten Dolmabahe-Palast, in dem Atatürk starb, hat man dann die Stadt in den Händen, kann mit den Augen durch die Straßen oder am Ufer entlangspazieren. Ein ähnlich sinnliches Vergnügen ist das große Familienpanorama, dass der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem ersten, im türkischen Original im Jahr 1982 erschienenen Roman „Cevdet und seine Söhne“ ausbreitet.

          Man fährt mit Cevdet, einem muslimischen Kaufmann, in der Kutsche durch das Konstantinopel des Jahres 1905 und ist mit ihm in seinem Laden, über dem schon das Schild „Cevdet und Söhne“ prangt, obwohl er noch gar nicht verheiratet ist oder Kinder hat. Besucht den zukünftigen Schwiegervater, spaziert durch die verwunschenen Gärten in Nisantasi, probiert französisches Dessert in einem Club der osmanischen Zeit, hört im schäbigen Hotelzimmer Cevdets schwindsüchtigen Bruder husten. Blättert man eine Seite in diesem Roman um, ist es, als öffne sich eine Tür in eine vergangene Zeit. Man spürt das sanfte Licht in den Salons, schmeckt den heißen Cay und den süßen Likör. Es ist, als nehme Pamuk den Leser an die Hand mit in seine Welt. Denn Pamuk beschreibt nicht, sondern löst alles in langsam ausführlich und manchmal schleppend dahingleitenden Szenen, Begegnungen und Dialogen auf, findet für die unterschiedlichen Auffassungen Charaktere, die uns bekannt erscheinen, weil sie authentisch sind. Es ist eine Art poetischer Realismus, der an Fontane erinnert.

          Das bürgerliche Leben lernen

          Der Roman erzählt in drei Abteilungen vom Aufstieg Cevdets als Lampenhändler im Osmanischen Reich, vom Leben der Familie Mitte der dreißiger Jahre, als die Republik vor und nach dem Tod Atatürks mit Macht den Alltag verändert und die Cevdets zu Geld und Einfluss gekommen sind. Im dritten Teil schildert Pamuk, wie die Lebensentwürfe der Nachfahren mit den Zeitläuften kurz vor dem Putsch 1980 auseinandergehen.

          Das Buch setzt ein am 24. Juli 1905, wenige Tage nach einem gescheiterten Attentat auf Abdülhamid II. Es ist eine Zeit des aufkommenden Nationalismus, in dem die führenden Schichten den in Paris und Potsdam ausgebildeten Offizieren der Jungtürken folgen und sich gegen die Despotie des Sultans wenden. Sie wollen europäisch sein, die Kaufleute sind Armenier, Griechen, Italiener und Juden; Cevdet ist als Türke und Muslim unter ihnen eine Ausnahme. Ein Türke gehörte noch nicht zur Elite, Cevdet hat das bürgerliche Leben noch zu lernen. Als er sich entschließt, eine Familie zu gründen, muss er mit dem Schwiegervater, einen in die Jahre gekommenen und um Geld verlegenen osmanischen Pascha, Tavla spielen. Seine zukünftige Frau sieht er nur kurz, als er wieder seine Kutsche besteigt. Frauen spielen im öffentlichen Leben am Bosporus dieser Zeit keine Rolle, und so sind sie auch im Roman – empirisch korrekt – ins Nebenfach und ins Haus abgedrängt.

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