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Erzählband von Olga Tokarczuk : Ein anderer Mensch existiert, weil er dich anschaut

Olga Tokarczuk auf einer Lesung Bild: dpa

Grenzüberschreitung in enzyklopädischer Leidenschaft als Lebensform hat ihr das Nobelpreiskomitee bescheinigt: Im Erzählband „Die grünen Kinder“ versammelt Olga Tokarczuk wahrlich bizarre Geschichten.

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          Es ist Olga Tokarczuks phänomenales Talent, unglaubliche Geschehnisse aufzuzeichnen, als wären sie nichts anderes als Berichte aus einer Welt, die doch jeder und jedem von uns schon einmal, von der Historie her, bekannt war – oder gerade eben so, an einem Zipfel der Realität, bekannt ist. Und – noch aufregender – bekannt gewesen sein wird: als nur folgerichtige Fortsetzung der Gegenwart. Dass ein solcher Erfahrungshorizont dann eher ins Dystopische tendiert als in die Utopie einer heilen Zukunft für das Humanum, darf als ausgemacht gelten.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jeder Anfang der zehn Erzählungen im jüngsten auf Deutsch erschienenen Band der polnischen Literaturnobelpreisträgerin klingt wie ein leises Versprechen, dass es sich um eine „bizarre Geschichte“ handeln wird. Gleich die erste, nur vier Seiten lange Story beginnt so: „Während eines langen Nachtflugs über den Ozean erzählte der Mann neben mir von den Ängsten, die er als Kind gehabt hatte.“ Und die letzte, längste, großartige Geschichte, „Der Kalender der menschlichen Feste“, behauptet eingangs: „Niemand kennt den Körper des Monodikos besser als Ilon der Masseur. Ilon ist ein Meister. Ilon ist unersetzlich.“ Man wird erfahren, ob das so ist in einer von Rost durchsetzten Welt nach der Verrottung allen Plastiks; und dabei die befremdlichen, zugleich erschreckend vertrauten Riten um jenes Wesen kennenlernen, das Monodikos genannt wird.

          Eine wunderbar geschmeidige Sprache

          Tokarczuk beherrscht meisterlich den Aufbau von Spannungsbögen, die sie perfekt durchinszeniert. Ein von ihr favorisierter, an sich nicht neuer Trick ist es, irritierende Zustände früh einzuflechten, deren Ursache – von Sinn, gar höherer Vernunft ist da lieber nicht zu sprechen – erst später nachgeliefert wird. Die seltsamen Begebenheiten haben dann aber längst ihre Dynamik entfaltet; man ist gefangen in solcher Unausweichlichkeit. Sicher ist nur eines: Immer werden es schließlich Begegnungen der handelnden Personen mit sich selbst sein, auf die eine oder andere Weise, scharf oder im Vagen bleibend, je nachdem, wie hell oder opak der Spiegel ist, den die Autorin für sie bereithält. So steht am Schluss der Erzählung „Der Passagier“: „,Der Mensch, den du siehst, existiert nicht, weil du ihn siehst, sondern weil er es ist, der dich anschaut‘, sagte der Mann am Ende seiner Geschichte.“ Das passt wie ein Geleitwort zu den Abenteuern auf der Reise ins Innere dieser mysteriösen Storys. Und – mit nur einer Ausnahme, die den ganz harmlosen Titel „Ein Besuch“ trägt, um mit der Idee perfekter Replikanten zu spielen – der Mensch bleibt im Zentrum, er trinkt, isst, fühlt; daran hat sich nichts geändert.

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