https://www.faz.net/-gr3-6w4rl

Olga Tokarczuk: Der Gesang der Fledermäuse : Lenke deinen Wagen über die Gebeine der Toten

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Von den erbarmungslosen Ritualen der Jagd: „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk ist Tierschützerroman, Krimi und scharfe Zivilisationskritik in einem.

          Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur war für die polnische Autorin Olga Tokarczuk schon immer ein wichtiges Thema. Sie hat es in ihren früheren Romanen bewiesen, aber auch in ihrem schmalen, weniger bekannten Buch „Anna In in den Katakomben“, das vor vier Jahren in einer kleinen Reihe über Mythen erschien. Es erzählt die Geschichte der Göttin Inanna, deren Name für die Fruchtbarkeit der Natur und somit für den Ursprung des Lebens steht.

          Auch Tokarczuks neueste Figur, die Ich-Erzählerin Janina Duszejko, ist jemand, dem die Natur sehr am Herzen liegt. Ansonsten ist sie eine unauffällige Person, auf den ersten Blick zumindest: Eine ältere, alleinstehende Frau, die früher als Brückenbauingenieurin gearbeitet hat und heute in einem kleinen niederschlesischen Dorf ein unkompliziertes Leben führt. Ihren Beruf hat sie längst an den Nagel gehängt, mit dem Englischunterricht für die Dorfkinder und der winterlichen Betreuung benachbarter Sommerhäuser hat sie aber genug zu tun. Manchmal fühlt sie sich ein wenig einsam, denn „Menschen in meinem Alter haben keine Orte mehr, die sie einmal geliebt haben und wo sie hingehörten“.

          War der Schinken schon verdaut?

          Dieses Gefühl der Entwurzelung resultiert aber nicht allein aus ihrem Alter - schuld daran ist auch der Ort, an dem sie lebt. Das Dorf liegt auf einer Hochebene im Glatzer Kessel, nahe der tschechischen Grenze. Es ist eine einsame Gegend, in der die Zeit ihre eigenen Regeln zu haben scheint. Das Moderne hat hier gleichsam in beschleunigter Form Einzug gehalten, will heißen: Das Internet und die EU-Regeln sind den Bewohnern zwar vertraut, doch gleichzeitig müssen sie oft auf den elementaren Alltagskomfort verzichten. Und die Stille der umliegenden Berge, die Dunkelheit der Wälder, die ihr eigenes Leben haben, und die Fledermäuse, die am Himmel ihren unruhigen Tanz vorführen, sorgen für eine einzigartige Aura.

          Janinas Naturverbundenheit äußert sich vor allem in der Liebe zu Tieren. Sie kümmert sich genauso liebevoll um ihre beiden „Mädchen“, wie sie zärtlich ihre Hündinnen nennt, wie um alle anderen Tierarten, um die auch ständig ihre Gedanken kreisen. Wenn sie mal einen an die Menschen verschwendet, dann nur, weil sie in ihnen deren Peiniger sieht. „Was hatten sie heute gegessen und was gestern“, fragt sie sich bei der Einweihung der Kapelle des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, „war der Schinken schon verdaut, waren die Hühner, Hasen und Kälber schon auf dem Weg durch ihre Mägen?“ Wenn es Gott wirklich gäbe, meint sie, müsste er jetzt vom Himmel heruntersteigen oder „zumindest seine Stellvertreter, seine flammenden Erzengel herschicken, damit sie ein für alle Mal diese schreckliche Heuchelei beenden“.

          Der Mars im Transit der Venus

          Tokarczuks Buch ist also ein Tierschützerroman, vor allem aber ist es ein Krimi, oder besser: Es ist beides gleichzeitig, wobei es dem kriminalistischen Plot nicht an Humor mangelt. Janinas größte Feinde sind die Wilderer, denen sie, als ihre Hunde plötzlich erschossen werden, einen offenen Krieg erklärt. Als kurz darauf aber ihr Nachbar an einem Knochen erstickt, ein Polizeibeamter in einem Brunnen ertrinkt und noch drei weitere rätselhafte Todesfälle folgen, entwickelt sie eine eigene, recht gewagte Theorie. Sie behauptet nämlich, bei den Verstorbenen handele es sich um Opfer eines mehrfachen Mordes und bei den Mördern nicht um Menschen, sondern um Tiere.

          Ein Hochsitz als Kanzel: Für Olga Tokarczuk sind Jäger prätentiöse Herren über Leben und Tod

          Um dieser düsteren Vision Nachdruck zu verleihen, greift sie auf ihre zweite Leidenschaft zurück, die Astrologie, und scheut sich auch nicht, die Ergebnisse ihrer Detektivarbeit der Polizei mitzuteilen. „Überprüfen Sie bitte, wo bei allen Opfern der Saturn stand“, fordert sie die Ordnungshüter auf, nicht ohne sie darauf hinzuweisen, dass eines der Opfer „im Moment seines Todes den Mars im Transit der Venus hatte, was nach Erkenntnissen der Astrologie viele Analogien zu Pelztieren hat“.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Ansicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Ansicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und non-stop Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt, und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte erklärt FAZ-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Der Charging Bull, eine Bronzestatue im Financial District in Manhattan, New York.

          Amerikas Wirtschaft : Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

          Amerikas Manager-Elite gibt sich neue Prinzipien: Sie will Aktionäre nicht mehr über alles andere stellen. Ihre eigene Vergütung dagegen ist bisher kein Thema.

          Klimaaktivistin : Das Team hinter Greta

          Vor einem Jahr hat die schwedische Teenagerin Greta Thunberg ihre Schulstreiks begonnen. Heute ist sie weltberühmt und segelt über den Atlantik. Wir zeigen die Leute hinter ihr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.