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Autorin Olga Tokarczuk : Blicke über den Rand der Welt

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Hinterm Horizont geht’s weiter: In Camille Flammarions Holzstich von 1888 erkennt Olga Tokarczuk den Ferneverlust des gegenwärtigen Menschen. Bild: ddp

Den Literaturnobelpreis hat sie sich verdient: Olga Tokarczuks jetzt auf Deutsch erschienene Essays und Reden zeigen eine Schriftstellerin, die höchst reflektiert die Bedingungen ihres Schreibens untersucht.

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          Gleich der erste Text des neuen Essaybands von Olga Tokarczuk, der Nobelpreisträgerin für Lite­ratur des Jahres 2018, führt an den Rand der bekannten Welt. Ausgehend von dem Holzschnitt „Wanderer am Weltrand“ aus Camille Flammarions 1888 erschienenem Werk „L’atmosphère – Météorologie po­­pulaire“ beschreibt Torkarczuk den ge­genwärtigen Zustand der Welt, der von Ferneverlust, dem Wissen um die Zerbrechlichkeit des Planeten, einer sich selbst reproduzierenden digitalen Ziellosigkeit geprägt ist. Der Wanderer, der es wagt, über den Horizont des Vertrauten hinauszublicken, wird zu einem Leitmotiv des gesamten Bands, der sich, wie die Autorin verrät, der Pandemie verdankt. Während des Lockdowns habe sie das Bedürfnis verspürt, ihr essayistisches Schaffen zu ordnen. Der Band versammelt in den letzten Jahren auf Polnisch erschienene Essays, Vorträge und Reden, die 2018 an der Universität von Lodz gehaltenen Poetikvorle­sungen sowie die Rede zur Verleihung des Nobelpreises.

          Einen Schritt zur Seite machen, aus­ge­tretene Pfade verlassen, sich aus Blasen herausbegeben, das vitruvsche Selbstbild des sich im Zentrum des Kosmos wähnenden Menschen verabschieden, um Be­ziehungen, Abhängigkeiten, Entlehnungen und Bezüge wahrzunehmen und Verantwortung für das komplexe Ganze zu übernehmen ­ – das ist der Tenor, der sich durch den ganzen Band zieht. Es geht unter anderem um das Reisen, das jegliche Fremdheit getilgt hat, weil der Reisende nurmehr sieht, was im Reiseführer steht. Als besonders zynisch erscheint, dass wir moderne Reisende anderen, nämlich Menschen aus den Krisenregionen der Welt, das Reisen und insbesondere das Ankommen – bei uns – verbieten wollen. Ein anderes, in mehreren Texten zur Sprache kommendes Thema ist das Verhältnis des Menschen zum Tier. Das Leiden eines Menschen, schreibt Tokarczuk, sei für sie leichter zu ertragen als das Leiden eines Tieres, weil der Mensch seinem Leiden einen Sinn geben könne, während es für das Tier weder Trost noch Linderung noch Erlösung gebe. Mit der von J. M. Coetzee geschaffenen Schriftstellerin Elizabeth Costello fordert Tokar­czuk Empathie mit dem anderen Wesen des Tiers ein, das aufhört, ein anderes zu sein, wenn die von der menschlichen Vernunft geschaffenen Grenzziehungen sich als das erweisen, was sie sind: künstliche Schutzreflexe, um den alltäglichen Horror unserer Tierausbeutung nicht wahrnehmen zu müssen. In „Mi­kroabgründe“ blicken lassen etwa auch die von der Autorin geschätzten Filme der Brüder Quay, indem sie das Unvertraute im Vertrauten zeigen.

          Den Finger in Salz tunken

          Aber auch von der Grenzen überschreitenden Kraft der Übersetzung ist die Rede und von der Mitautorschaft der Übersetzer. Dass der Mensch kein in sich abgeschlossenes und souveränes Subjekt ist, sondern ein kollektives, mit anderen, auch nichtmenschlichen Lebewesen vielfach ver­bundenes Wesen, ist eine weitere zen­trale Botschaft der hier versammelten Texte, die auch das dreifache, fragmen­tarisch verspiegelte Porträt der Autorin auf dem Buchcover zu verstehen gibt. „Übungen im Fremdsein“ ist nicht zuletzt eine bildstarke Verabschiedung des An­thro­pozentrismus.

          Olga Tokarczuk: „Übungen im Fremdsein“. Essays und Reden.
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2021, 322 S., geb., 24,– €.
          Olga Tokarczuk: „Übungen im Fremdsein“. Essays und Reden. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2021, 322 S., geb., 24,– €. : Bild: Kampa Verlag

          Und immer wieder geht es um das Le­sen und die Literatur. In erster Linie sei sie nämlich Leserin, teilt Tokarczuk mit, und erst in zweiter Linie Schriftstellerin. Wenn sie die Geschichte ihres Lesens er ­zählt, erfährt man nicht nur, wie Literatur das lesende Ich verändert, sondern auch, wie sich über die Jahre ein literarischer Text im Blick der Leserin transformiert. Und man erfährt, warum es unbedingt sinnvoll ist, beim Lesen den Finger in Salz zu tunken.

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