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Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka : Botschaften aus Wolkenkuckucksheim

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Auf der Suche nach dem Sinn von Wörtern und Welt: In ihren Gedichten schickt Olga Martynova, die frisch gekürte Gewinnerin des Bachmann-Preises, poetische Fabelwesen auf eine Reise ohne Ziel.

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          Weite Wege liegen zwischen Frankfurt und Klagenfurt, Böhmen und dem Meer, Russland und Rom. Doch Literatur verschiebt häufig die Distanzen und damit auch die Vorstellungen von Raum und Zeit. In „Ich werde sagen ,Hi!‘“, einem Kapitel aus ihrem 2013 erscheinenden Roman „Mörikes Schlüsselbein“, für das Olga Martynova vor wenigen Tagen mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, hat die Autorin verschiedene Zeitschichten und Motive mit humorvoller Leichtigkeit verwebt, ihr literarisches Vermögen überzeugend bewiesen. Jurymitglied Paul Jandl charakterisierte den Text über einen Jungen, der in den Sommerferien von der Liebe träumt und sich im Schreiben versucht, als „Geburt des Dichters aus dem Geist der Erotik“.

          Die 1962 im sibirischen Dudinka geborene, in Petersburg aufgewachsene Autorin hat dagegen ihre Geburt zur Dichterin längst hinter sich. Schon als sie Anfang der neunziger Jahre mit ihrem Mann, dem Lyriker Oleg Jurjew, von Petersburg nach Frankfurt am Main zog, war für sie das Schreiben selbstverständlich. Deutsche Worte kannte sie damals aber lediglich zwei, nämlich die Parole „Hände hoch!“ aus Kriegsfilmen, wie in einer Publikation der Robert-Bosch-Stiftung nachzulesen ist, die 2011 erschien, dem Jahr, in dem sie auch den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreise für ihren auf Deutsch verfassten, avantgardistischen Roman „Sogar Papageien überleben uns“ erhielt.

          Verbindungslinien zum Werk Ingeborg Bachmanns

          Martynova hat schreibend einen Sprachwechsel vollzogen. Für ihre Gedichte bevorzugt sie aber nach wie vor das Russische. Zusammen mit der Lyrikerin Elke Erb übersetzt sie ihre Verse anschließend wieder ins Deutsche, so auch die in dem Band „Von Tschwirik und Tschwirka“, der aus drei Zyklen besteht. Warum ihre Muttersprache die Sprache der Lyrik geblieben ist, erfährt man in einem erläuternden Text zum dritten Zyklus „Verse von Rom“. Von einem Rom-Besuch bei der Lyrikerin und Freundin Jelena Schwarz (1948 bis 2010) brachte Martynova zwei Pinienzapfen mit. In Frankfurt öffneten sie sich, die Kerne fielen heraus. Ihr Geruch setzte Erinnerungen frei. Doch um daraus ein Gedicht zu machen, brauchte es noch einen in der russischen Lyrik weit üblicheren Reim. Um Reimmöglichkeiten gedanklich durchzuspielen, so Martynova, bedürfe es einer Schnelligkeit, die ihr im Deutschen nicht zu Gebote stehe und die für das Schreiben von Prosa nicht notwendig sei. Leser der deutschen Übersetzung des Gedichts „Verse von Rom (3)“ finden diesen russischen Reim zwar nicht wieder. Mit den „duftenden römischen Zapfen/von den freigebigen römischen Pinien“ bezaubert aber auch die deutsche Fassung und entspricht der, in Worten Erbs, „grazilen Regsamkeit“ der russischen Verse.

          Es mag Zufall sein, dass die „Verse von Rom“, der Titel des mit Jelena Schwarz publizierten Gedichtbandes „Rom liegt irgendwo in Russland“ (2006) Verbindungslinien zu Ingeborg Bachmanns Werk herstellen, zu Bachmanns Rom, zu ihrem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Doch mit Blick auf die luftige Präzision von Martynovas Metaphern wie die von den „Krusten der verwilderten Zeit“ in Rom, auf den Anspielungsreichtum ihrer Verse, ihre Beweglichkeit in verschiedenen Gattungen erweist sie sich als würdige Nachfahrin der Klagenfurter Ahnin, als unbedingt lesenswerte Autorin, in deren Lese-, Schreib- und Denkraum viele Gäste aus der Literaturgeschichte verkehren.

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