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: O du unglückliche!

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Die New Yorkerin Isabel Bolton, die eigentlich Mary Britton Miller hieß, schenkte der Welt mit "Wach ich oder schlaf ich" 1946 einen makellosen Roman. Jetzt erscheint ihre mörderische Familiengeschichte "Der Weihnachtsbaum" erstmals in deutscher Übersetzung. Frohes Fest!Von Felicitas von Lovenberg Weihnachtsbäume, ...

          Die New Yorkerin Isabel Bolton, die eigentlich Mary Britton Miller hieß, schenkte der Welt mit "Wach ich oder schlaf ich" 1946 einen makellosen Roman. Jetzt erscheint ihre mörderische Familiengeschichte "Der Weihnachtsbaum" erstmals in deutscher Übersetzung. Frohes Fest!

          Von Felicitas von Lovenberg Weihnachtsbäume, so sie nicht einem farblichen Modediktat unterworfen werden, bergen ein Sammelsurium von Erinnerungen. Der angeschlagene Engel, den der Sohn einst unbeholfen gebastelt hat; der Strohstern, den die Schwiegermutter früher unbedingt am Ast baumeln sehen wollte; das bedruckte Geschenkband eines Juweliers aus verliebteren Zeiten, mit dem nach dem Auspacken ein Ornament befestigt wurde. Daß die Hektik des Einkaufens, Einpackens und Eintütens bis zum Heiligabend die vielbeschworene Besinnlichkeit der Kartenwünsche unmöglich macht, ist gerade in nicht ganz heilen Familien - also den meisten - durchaus willkommen.

          Eine Warnung darum gleich vorweg: Wer an Weihnachten nicht von resoluter Fröhlichkeit erfaßt wird und dank eines heiteren Naturells unempfänglich ist für die Melancholie, die das Fest für Telefonseelsorge und Samariter alljährlich zum Härtefall macht, sollte auf keinen Fall zu diesem Buch greifen. Denn Isabel Boltons Roman "Der Weihnachtsbaum" erzählt keine Geschichte von Jubel, Trubel, Weinseligkeit, sondern ein Familiendrama, das nicht mit einer festtäglichen Rundum-Versöhnung, sondern mit einem Mord im Affekt endet. Es findet sich auch kein boshaft-heiterer Ton darin, wie in Loriots Adventsgedicht von der ihren Mann zerlegenden Försterin oder wie in Robert Gernhardts ewiggültigem Lustdrama "Erna, der Baum nadelt!" Isabel Bolton ist eine Meisterin der genauen, unaufgeregten Beobachtung, nicht der ätzenden Prosa, und darum geschieht der Mord bei ihr fast so unvermutet wie im Pfarrhaus.

          Isabel Bolton, die 1883 als Mary Britton Miller in Connecticut geboren wurde und in zwar materiell höchst komfortablen, doch geistig eher bequemen New Yorker Kreisen aufwuchs, wurde zum späten Shootingstar, als Edmund Wilson, ein legendärer und legendär skeptischer Kritiker der "New York Times", 1946 ihren Debütroman "Do I Wake or Sleep" als Wunderwerk in der Nachfolge von Henry James pries. Daß Wilson überdies hoffte, die Schönheit der Prosa von Ms. Bolton werde nur noch von der Schönheit von Ms. Bolton selbst übertroffen, wurde zum Stoff einer kleinen Nebenlegende. Gore Vidal, dessen Debüt ebenfalls 1946 erschien, jedoch keineswegs ein solches Echo fand wie Boltons Roman, erzählt mit schadenfrohem Gusto davon, wie Wilson herausfand, daß hinter der ominösen Ms. Bolton die damals bereits dreiundsechzigjährige Mary Britton Miller steckte, eine stattliche Dame, die unter ihrem eigentlichen Namen zuvor ein halbes Dutzend Bücher veröffentlicht hatte, die keinerlei Aufmerksamkeit gefunden hatten. Erst mit dem neuen nom de plume änderte sich das. Die folgenden drei Bücher - "Do I Wake or Sleep", "The Christmas Tree" und "Many Mansions" - sind als Zyklus "New York Mosaic" ihre berühmtesten geblieben, wenngleich sie bis zu ihrem Tod 1975 fleißig weiter veröffentlichte. Vielleicht liegt es daran, daß die Autorin hier in einem gereiften Alter ihren scharfen Blick auf eine Gesellschaft richtete, die eigentlich nicht mehr die ihre war. Isabel Bolton, die als junges Mädchen an der Ostküste in Reifröcken und Korsett, mit Dienstmädchen und Erzieherinnen groß wurde und die, zumal nach dem frühen Tod der Eltern, von ihrer Zwillingsschwester Grace unzertrennlich war, erkannte in den fragmentierenden Strukturen, die der Zweite Weltkrieg noch beschleunigte, ein ureigenes Lebensgefühl wieder: Wie Henry James besaß sie ein Gespür für die Unausgegorenheiten ihrer Figuren, für den speziellen Reiz Manhattans, die Einsamkeit des Menschen - und die Ausgeschlossenheit, die Homosexualität damals bedeutete.

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