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: NS-Porno

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Bislang galt der Schriftsteller Thor Kunkel seinem Verlag als "illusionsloser Aufklärer im Kostüm des Entertainers". So steht es in der Programmvorschau des Rowohlt-Verlags, der mit diesem Zitat aus einer früheren Rezension für seinen Autor wirbt. Am 19. März sollte Kunkels neuer Roman "Endstufe" in den Buchhandel gelangen.

          Bislang galt der Schriftsteller Thor Kunkel seinem Verlag als "illusionsloser Aufklärer im Kostüm des Entertainers". So steht es in der Programmvorschau des Rowohlt-Verlags, der mit diesem Zitat aus einer früheren Rezension für seinen Autor wirbt. Am 19. März sollte Kunkels neuer Roman "Endstufe" in den Buchhandel gelangen. Jetzt hat Rowohlt in dürren Worten erklärt, daß Autor und Verlag aufgrund von Differenzen in "inhaltlichen und ästhetischen Fragen" übereingekommen seien, das Vertragsverhältnis zu lösen. Offenbar widersprach Kunkels Roman den Erwartungen des Verlegers. Was aber hatte Alexander Fest erwartet? Darüber gibt die Programmvorschau hinlänglich Auskunft.

          Unter der Überschrift "Pornofilme gegen Rohstoffe - das wohl merkwürdigste Tauschvorhaben im Dritten Reich" wird hier ein Roman annonciert, in dessen Zentrum die Produktion und der Vertrieb der sogenannten "Sachsenwald-Filme" stehen. Dabei handelt es sich um Pornofilme, 1940/41 gedreht, die gegen Rohöl und Eisenerz getauscht werden sollten, um den Rohstoffbedarf der deutschen Kriegsmaschinerie zu decken. "Vor diesem Hintergrund", so heißt es in der Programmvorschau, "erzählt Thor Kunkel von der Verstrickung des jungen SS-Hygienikers Karl Fußmann in die Halbwelt der nationalsozialistischen Elite. Im Auftrag seines Vorgesetzten schmuggelt er Filmmaterial von Berlin nach Berchtesgaden. Bei einer wilden Jagdhütten-Party gerät er in den Bann der geheimnisvollen Lolotte und wird, ahnungslos, zum Darsteller eines pornographischen Streifens."

          Für welches Publikum werden eigentlich Romane geschrieben, die einen jungen SS-Hygieniker im Bann einer geheimnisvollen Lolotte bei wilden Jagdhüttenpartys im Nazi-Milieu zeigen? Warum müssen auf wenigen Zeilen Begriffe aneinandergereiht werden, die allesamt aus dem Vokabular billigster Reißer stammen? Wenn diese Zeilen Kunkels Roman gerecht werden, muß man sich fragen, warum der Rowolt-Verlag diesen Roman je publizieren wollte. Werden sie dem Roman jedoch nicht gerecht, dann muß der Verlag sich fragen lassen, warum er einen seiner Autoren erst als Verfasser von skandalträchtigem Schund anpreist und ihn dann in letzter Minute wie eine heiße Kartoffel fallenläßt.

          Den Schaden hat zunächst Thor Kunkel. Solange "Endstufe" nicht veröffentlicht ist, können Buchhändler, Rezensenten und interessierte Leser - und nur für diesen Kreis werden Programmvorschauen gemacht - von seinem Buch nur eines erwarten: Kolportage der billigsten Sorte, einen Reißer, der eine Grenze überschreitet, die bislang doch weitgehend respektiert wurde. Denn das Verhältnis zwischen der NS-Ideologie, den aus ihr hervorgegangenen Perversionen und dem Bereich der Sexualität stellt das wohl letzte Residuum der nationalsozialistischen Geschichte dar, das nicht auf die eine oder andere Weise ausgeschlachtet wurde. Dabei geht es nicht um die Tabuisierung eines Themenkomplexes. Es gibt, mit gutem Grund, wissenschaftliche Untersuchungen über die Psychopathologie der NS-Elite. Nichts spricht dagegen, die Details der damaligen Pornographie zu erforschen. Alexander Kluge hat sie in einem seiner Dokumentarfilme behandelt, der Filmemacher und Sammler Werner Nekes besitzt zwei Filme aus dieser Produktion, wie gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtet wurde. Auch Kunkel soll ausgiebig recherchiert haben, aber die Fiktionalisierung dieses Gegenstandes wirft besondere Probleme auf.

          Die Ankündigung des Rowohlt-Verlags endet mit der Behauptung, Kunkels Roman sei ein "packendes, minutiös recherchiertes Porträt der morbiden Nazi-Gesellschaft", das Geschichte und Sexualität, Wissenschaft und Okkultismus vernetze und den Untergang des Dritten Reiches als "furioses Ende der ,technisch überlegenen' Welt von einst" schildere. Im letzten Kapitel des über fünfhundert Seiten starken Romans, dessen Manuskript dieser Zeitung vorliegt, wird dieses angeblich so furiose Ende im Detail beschrieben. Die Art und Weise, wie hier Massenvergewaltigungen in den Straßen Berlins dargestellt und kommentiert werden, läßt stark bezweifeln, daß Kunkel sein heikles Thema künstlerisch bewältigt hat. Aber gerade wenn ein Autor an seinem Gegenstand scheitert, darf er den Beistand seines Verlags erwarten.

          Kunkels erster Roman "Das Schwarzlicht-Terrarium" war von zahlreichen Verlagen als "obszön" und "zynisch" abgelehnt worden, bevor Rowohlt das Manuskript annahm und das erste Kapitel in Klagenfurt mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Man wußte also, daß dieser Autor provoziert und polarisiert. Deshalb, aber vor allem aufgrund des auf den ersten Blick erkennbar heiklen Stoffes, hätte Kunkel von seinem Verlag besondere Sorgfalt erwarten dürfen. Sie hätte etwa darin bestanden, den jetzt eingetretenen Fall vorherzusehen und das Buch erst nach seiner Fertigstellung anzukündigen. Mag sein, daß dies nicht mehr den Usancen einer vom Beschleunigungswahn ergriffenen Branche entspricht. Aber wenn ein Verlag nicht erkennt, wann er eine Ausnahme von einer ohnehin problematischen und fragwürdigen Regel machen muß, ist es schlecht um ihn bestellt. Rowohlt war erst unlängst mit dem Buch einer angeblichen israelischen Agentin in die Kritik geraten, und womöglich hat man nicht zuletzt deshalb jetzt geglaubt, die Notbremse ziehen zu müssen. Daß der Versuch des Historikers Lothar Machtan, mit einem Buch über Hitlers angebliche Homosexualität Aufsehen zu erregen, vor einigen Jahren ebenfalls von Alexander Fest verlegt wurde, mag nur eine unglückliche Koinzidenz sein. Aber sie hätte mehr Sensibilität bei dem Thema NS-Pornographie erwarten lassen.

          HUBERT SPIEGEL

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