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: Norwegen vollständig virtualisiert

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In einem Kosmos ohne Lenker sind Schlüsse nur ein Spiel. Gleich mehrfach - bereits der erste Widerspruch - findet sich im world wide web inzwischen jene gewitzte virtuelle Seite, die verkündet: "You have reached the very last page of the Internet. We hope you have enjoyed your browsing", um in einer ...

          In einem Kosmos ohne Lenker sind Schlüsse nur ein Spiel. Gleich mehrfach - bereits der erste Widerspruch - findet sich im world wide web inzwischen jene gewitzte virtuelle Seite, die verkündet: "You have reached the very last page of the Internet. We hope you have enjoyed your browsing", um in einer letzten Aufwallung zum letzten interaktiven Befehl umzuschlagen: "Now turn off your computer, go outside and play." Ein weiteres, zumindest in der Theorie ebenso unabschließbares Hyperwelt-Projekt ist - nun auch in Deutschland - auf seiner vorerst letzten Seite angelangt. Die Rede ist von Jan Kjærstads opulenter Romantrilogie über das Leben des fiktiven norwegischen Fernsehmachers Jonas Wergeland, deren letzter Band, "Der Entdecker", jetzt in der deutschen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel vorliegt. Ein ähnlich frommer, gleichwohl stärker hegelianischer Gedanke wird darin umspielt: das Leben aus dem Zustand der Zersplitterung in eine neuartige ästhetische Ganzheit zu überführen. Postmodern, wie dieser insgesamt über 1800 Seiten umfassende Großroman ist, hat der letzte, beschließende Seufzer zugleich ein erster zu sein: "Ich muß ganz von vorn anfangen." Doch wo das sein soll, vorn, das wissen die Musen.

          Die Chronologie ist keine Hilfe: Sie wird in allen Wergeland-Romanen konsequent mißachtet. Diese greifen - klug komponiert - zeitlich und perspektivisch ineinander, doch bedingen sich nicht. Von je verschiedener Warte aus wird das Leben eines multiplen Genies kartographiert. Bei aller Widersprüchlichkeit existiert doch ein so psychologisches wie poetologisches Zentrum, das durch seine Kohäsionskraft die gesamte Trilogie zusammenzuhalten imstande ist, eine Pietà-Szene: Jonas Wergeland, gebeugt über seine tote Frau Margrete. Von diesem Moment, dem Riß im Leben, breitet sich die Geschichte in konzentrischen Wellen aus. Doch Kjærstads Erzählung ist keine psychologisierende Einholung von Wergelands Sturz, sondern eher eine philosophische Meditation über die Gewalt dieses einen Schlages, der ein Genie zu fällen in der Lage ist. Ob in dieser Urgewalt nicht eine Chance liegt?

          Schon der erste Band, "Der Verführer" (1999), hob an mit der besagten Ur- und Opferszene. Der erste Erzähler war ein wahrhaft olympischer, Gott persönlich. Er schilderte den Aufstieg eines Erwählten, der plötzlich - zur Strafe? - seines Innersten beraubt war. Dieser ins Faustische verschobenen Lesart hielt der zweite Band, "Der Eroberer" (2002), eine resolute Erdung entgegen: Hier zeichnete sich das von einem Historiker geschilderte Leben Wergelands, der, wegen Mordes verurteilt, seine Tage im Gefängnis zubringt, durch Mittelmäßigkeit aus.

          Der dritte Band bringt These und Antithese nun nicht oder allenfalls synoptisch zusammen: Perspektiven sind nicht falsifizierbar. Als noch einmal viel komplexer erweist sich freilich, was zum Tod Margretes führte: Die Gewalt steht mit der Liebe im Bunde. Wergeland, der das als Klosterzelle empfundene Gefängnis aufrecht verläßt, erscheint erneut als Übermensch, bei dessen Geburt die Erde bebte und dessen sexuelle Eruptionen den Himmel zu zerreißen vermögen. Ein Gedankenjongleur, dem alles so leicht von der Hand geht, daß er die Welt und zumal ihre schlechte mediale Kopie als "zu flach" befinden muß. Kein Wunder, daß sich dieser Protagonist mit Rodins Denker identifiziert. Und doch sind die Einsprüche nicht zu überhören. "Seht diesen Menschen" lauten die ersten Zeilen des Romans. Er, Ecce homo, braucht jedoch ein ganzes Leben, um jene komplementäre, allzu menschliche Eigenschaft zu akzeptieren, die Margrete schon im Alter von zwölf Jahren an ihm entdeckte: "Dies eine Wort. Idiot. Das war der Schlüssel. Es ist immer ein Schlüsselwort für mich geblieben. Es bedeutet unwissende Person. Ich habe es nachgeschlagen."

          Weit deutlicher ausgeprägt ist das bereits in den titelgebenden Siegerposen anklingende Leitmotiv. Denn es geht ein Sehnen durch dieses Konvolut: Retour à la grandeur könnte man es nennen. Eine Vorliebe für Megalomanien, mitunter ins Essayistische tendierend, ist ein Markenzeichen des Autors Kjærstad. In seinen Texten geht es selten um weniger als die Welt, konterkariert nur von der leicht gegenläufigen Fixierung auf alles Norwegische. Auch im "Entdecker" wird die Spannung von Weltmaßstab und Nationalerbe ausagiert. Dabei ist der Text unbarmherzig selbstreflexiv. Noch die Ironie postmodernen Erzählens wird ironisiert und kehrt, vielleicht ein wenig zu unbekümmert, als romantisches Pathos wieder. Geradezu paralysiert scheint Kjærstad vom dekonstruktiven Fragmentierungscredo. Die Enthierarchisierung des Erzählens, indem Haupt- und Nebenstränge ununterscheidbar werden, orientiert sich bewußt an modernen Netzwerkstrukturen.

          Aber damit nicht genug: Diese Ordnung ist auch Gegenstand der Handlung. Der Geisteskoloß Wergeland, so lesen wir, hat in jungen Jahren ein "Projekt X" verfolgt, eine durchgreifende Neuorganisation des Weltwissens jenseits der Eindimensionalität von Bibliotheken. Stürmend und drängend gelangte er zu der Einsicht, nur ein synchrones, ganzheitliches System komme als Ordnungsraster in Frage. Mit anderen Worten: Wergeland erfand en passant das Internet, scheiterte aber zunächst. Doch die Idee findet eine Fortsetzung jenseits des Medienwechsels vom Buch zum Fernsehen, den Wergeland persönlich vollzieht. Unter dem spröden Titel "Groß denken" porträtiert er Verwandte im Geiste, große Norweger, die es vermocht haben, die Begrenztheit des Denkens aufzubrechen.

          Der Ruhm Wergelands gründet sich tatsächlich auf diese intellektuell verquaste Fernsehserie. Kjærstad malt die nah am Kitsch gebauten Folgen über Henrik Ibsen, Svend Foyn, Lars Skrefsrud oder Thor Heyerdahl detailliert aus. Ein wenig zu engagiert wird der Hauptfigur eine diffuse Medienschelte in den Mund gelegt. In einem denkwürdigen Abendvortrag - "Heute hat er denselben Status wie Gründungsversammlungen von politischen Parteien, die die Weltgeschichte geprägt haben" - habe Wergeland die geistzentrierte Neuerfindung des Mediums gepredigt. Und in der Tat: Dank Wergeland wird der "Begriff ,virtual reality' erstmals auf das Fernsehen" angewendet. Doch in der virtuellen Gleichzeitigkeit verliert Wergeland allmählich das instantene Substrat seines Lebens.

          Als Erzählsituation dient eine Manuskriptfiktion: Erzählerin der meisten Partien ist Jonas' Tochter Kristin, die zu einem Kollektiv futuristischer Kulturwissenschaftler gehört. Dieses "Oslo Art Kitchen Quartet", nun tatsächlich dem Internet verschworen, arbeitet an der vollständigen Virtualisierung Norwegens inklusive bereits bestehender Archive und Netzwerke. So sind Visionäre unter sich, als Jonas nach seiner Haftentlassung an der Erkundungsfahrt durch den Sognefjord teilnimmt. Eingebettet in den auf dieser Fahrt entstandenen Text sind auch Jonas' parallel angefertigte Notizen. Im Stil allerdings unterscheiden sich die Partien nicht, in beiden Fällen wird extrem personal und emphatisch erzählt: Kjærstad ging es hier wohl allein um Beobachterspielchen.

          Überhaupt korrespondiert der Komplexität von Über- und Unterbau eine zurückhaltende erzählerische Souveränität. Nur selten gewinnt die reine Narration die Oberhand. Zwar finden sich durchaus anmutig literarische Passagen, so die zarte Annäherung der Hauptfiguren. Aber das Übermaß an Reflexion - ein einziger "Stream of consciousness" -, gepaart mit einer Tendenz zu überklügelten philosophischen Erklärungen, hinter denen die Figuren selbst blaß bleiben, gibt diesem Ideenroman bei aller denkerischen Eleganz etwas Gewundenes, Sentenzenhaftes. Kjærstads Textlust verläßt die technische Ebene nicht. Überraschend ist die Übereinstimmung mit dem Gegenstand: Was Kjærstad im Sinn hat, ist eine Metaerzählung, etwas, das er vielleicht "Groß schreiben" nennen würde, aufgepfropft auf die neusten poetologischen Diskurse. Wie sein Protagonist läßt sich der Autor nicht von der "Seele", sondern "von einem konkurrierenden Begriff aus derselben nebulösen, feierlichen Sphäre verführen: Geist". So entsteht allmählich das Gefühl, das verhandelte Geschehen gehe im Konzeptionellen auf, sei nichts weiter als die Exemplifizierung vulgärphilosophischer Versatzstücke.

          Eigentlich ein schöner Einfall ist es, gedankliche Assoziationen abzubilden auf sprachliche Klangverwandtschaften. Obsessiv, wie es hier geschieht, führt das jedoch zu einer ins Kalauerhafte neigenden Ähnlichkeitenlogik, bei der Mauern im Kopf mit der Chinesischen Mauer in Verbindung stehen, ein sonniges Gemüt zu guter Gesichtsfarbe führt, mit der BBC über den englischen Kanal geschwommen wird und Soulmusik die verlorene Seele wiederbringt. Um einen psychophysischen Parallelismus handelt es sich auch, wenn der junge Jonas den Kopf in den Kronleuchter hält und die Wirklichkeit in ihrer Fragmentierung erblickt. Kjærstad, so scheint es, hat in vorauseilender Bildlichkeit alle hermeneutischen Attacken antizipiert. Auf viele Begebenheiten folgt eine Lektüreanweisung: Eine zerreißende Halskette wird als Lebensfaden interpretiert, ein Bücherabsturz beim Griff nach Stendhals "De l'amour" beschert die Moral, die Liebe hänge mit allem zusammen. Selbst das Kierkegaardsche "Entweder - Oder", das bereits auf der ersten Seite des "Entdeckers" begegnet, aber inhaltlich noch unbestimmt ist, kehrt schließlich in Onkel Melankton - auch er pure Personifikation, die "Verkörperung eines Dilemmas" - als Paronomasie wieder: entweder Genie oder Genitalien, eine Präzisierung des Gegensatzes Wunder oder Idiotie. In der Auflösung dieser Dichotomie, soviel hat Jonas Wergeland begriffen, liegt der Schlüssel zu seinem Leben, zu seiner Liebe und zum Tod.

          Die stilistischen Einwände können nicht verdecken, daß es sich bei dem "Entdecker" um einen intellektuellen Roman von Format handelt, bedeutend nicht nur für die norwegische Literatur. Subkutan verhandelt wird darin die Frage, wie große Erzählungen heute noch möglich sind, ohne aber postmoderne Positionen zu diskreditieren. So also könnte es gehen. Doch ist die letzte Seite erreicht - und das Blättern hält einigen Spaß bereit -, dann gibt es nur eins: heraus aus dem endlosen Gedankenzauber und hinein ins bunte Spiel der Signifikanten.

          OLIVER JUNGEN.

          Jan Kjærstad: "Der Entdecker". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 633 S., geb., 24,90 [Euro].

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