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Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt : Was zum Kuckuck zirkuliert denn hier?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Norbert Zähringer hat einen neuen Roman geschrieben, der im Zeichen der Astronomie drei Schicksale zusammenführt. Ihm ist damit ein Kunststück gelungen, das nicht nur die Figuren überrascht.

          5 Min.

          Wir leben im Zeitalter der individualisierten Revolution. Rilkes „Du musst dein Leben ändern“ ist zur Parole geronnen. Glück scheint nur für den erreichbar, der immer wieder einen Neuanfang wagt. Da kommt es einem wie Ironie des Schicksals vor, dass der ältere, astronomische Begriff der Revolution das Gegenteil von dem uns heute geläufigen bezeichnet. Nicht erst seit Kopernikus’ 1543 erschienener Schrift „De revolutionibus Orbium Caelestrum“ steht die Revolution für die immergleiche gesetzmäßige Kreisbewegung eines Gestirns um einen Mittelpunkt. Über diese Überlagerung der zwei Denkfiguren des Revolutionären in unserer Kultur hat Norbert Zähringer jetzt einen scharfsinnigen, auf wunderbare Weise leicht erzählten, in jedem Fall aber im doppelten Sinne revolutionären Roman geschrieben.

          Erzählt wird er aus der Perspektive einer glücksuchenden Studentin aus Kiew. Anna lebt dort allein. Ihre Großmutter wurde gerade bestattet, Mutter und Großvater sind schon länger tot. Anna bleiben die Erinnerungen an die Toten, die Wohnung der Großeltern und ihr Vater, der kurze Zeit später mit einer Horde Saufkumpane bei ihr einfällt. Als eines Tages ein junger Mann auftaucht, sie wortlos fotografiert und wieder verschwindet, ist ihr klar, was sie in Kiew erwartet.

          Was verbirgt sich hinter dem Horizont unserer endlichen Welt?

          Der einzige Ausweg, den sie sieht: Anna meldet sich bei einer Partneragentur an. Schnell vermittelt man sie an den deutschen Gerhard Laska, ehemaliger Ingenieur, durch den Verkauf seines Büros zu Vermögen gekommen und ebenso irrlichtereinsam und glücksuchend wie Anna. Früher verkuppelte noch der Teufel alte Männer mit jungen Mädchen, und zwar, weil er mit Gott gewettet hatte (denn Gott würfelt nicht). Heute reichen etwas Geld und eine fragwürdige Agentur. In dieser Welt ist weder Platz für Metaphysik noch für Geist(er) oder Phantasie.

          Doch während Zähringer einerseits die Poesie aus der Welt bannt, holt er sie andererseits wieder ein. Laska und Anna teilen eine gemeinsame Vorliebe: Astronomie. Sie haben sich beide dem Blick in die Sterne verschrieben. „Bis zum Ende der Welt“ heißt der Roman nicht etwa, weil er die Apokalypse ankündigt. Der Titel spielt auf die Beobachtung des Nachthimmels an, die stets mit den Fragen verbunden ist, was sich hinter dem Horizont unserer endlichen Welt verbirgt und was davon in unsere Galaxie eindringen könnte. Mit dem mikroskopischen Blick vertraut, verbindet die beiden Figuren die Lust, über den eigenen Horizont hinauszutreten.

          Ebenso schaurige wie faszinierende Geschichten

          Anna begleitet Laska nach Deutschland. Weil der Leser streng an ihre Perspektive gebunden bleibt und der Roman wie ein Krimi nur Schritt für Schritt Laskas Motive aufdeckt, darf an dieser Stelle nicht mehr verraten werden. Nur eines sollte man noch beachten: Durch ihre Himmelsblicke geschult, verstehen sich die ungleichen Partner selbstverständlich auch auf die astronomische Spielart der Revolution. Wenn Anna mit Laska nach Berlin zieht, kehrt sie an den Ort zurück, an dem ihr innig geliebter Großvater am Ende des Zweiten Weltkrieges gelebt hat. Von diesem Ort hat er ihr ebenso schaurige wie faszinierende Geschichten erzählt.

          Es stellt sich also die Frage, ob Anna überhaupt einen Neuanfang wagt. Folgt sie mit ihrem palindromischen Namen nicht vielmehr einer vorbestimmten Kreisbahn, die über ihren eigenen Lebenslauf hinausreicht? Dieser Eindruck verstärkt sich, weil Anna Laska zwischenzeitlich verlässt, um aber nach einer Reihe Berliner Abenteuer erst wieder zu ihm und dann direkt zum ehemaligen Aufenthaltsort ihres Großvaters zurückzukehren. Anna kreist wie ein Gestirn um sich selbst, sie gerät in eine Konstellation zu Laska, und sie zirkuliert auf einer familiären Umlaufbahn.

          Die Figuren kreisen um ein gemeinsames Zentralgestirn

          Das Revolutionäre weitet sich von den Figuren auf das Erzählen selbst aus. Im fünften der elf Kapitel vollzieht der Roman einen radikalen Neuanfang. Die Erzählung wechselt an die Algarve-Küste. Plötzlich erzählt eine neue Stimme im Rückblick ihre Lebensgeschichte. Dieser Erzähler arbeitet als Polizist in Sagres. Seine Eltern lebten in den siebziger Jahren in Deutschland, als Kind ist er nach Portugal zurückgekehrt. Seine Geschichte dreht sich um Migration und nationale Identität. Polizist ist er geworden, um sich als Portugiese zu fühlen. Muss man erwähnen, dass er allein, ohne familiäre Anbindung lebt und der geregelten Bahn seines Alltags müde ist? Wichtiger erscheint, dass er Yuri heißt, benannt nach Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All. Damit dürfte hinreichend klar sein, dass Yuri in Sachen Himmelsschau und Revolution bewandert ist.

          Mit dem Einsetzen der dritten Figur - oder besser, des dritten Gestirns - bewegt sich Zähringers planetarisches Erzählen unaufhaltsam auf sein Ziel zu: Die drei europäischen Kulturen mit Hilfe der Figuren miteinander in eine Konstellation zu bringen, Anna, Laska und Yuri solange auf ihrer Bahn zu bewegen, bis sie sich begegnen. Auf diesen Kreisschluss kommt es an. Er verspricht das Neue. Prompt brechen Anna und Laska im sechsten Kapitel nach Portugal ins Ferienhaus des Ingenieurs auf. Von da an erzählt der Roman alternierend aus Annas und Yuris Sicht, bevor sich im zehnten und elften Kapitel die beiden Perspektiven vermischen. Die Figuren wissen selbst nichts davon, aber sie kreisen um ein gemeinsames Zentralgestirn. Es heißt Valentina, tritt aber kein einziges Mal selbst in der Geschichte auf.

          Zähringer kann etwas, was selten gelingt: erzählen

          Zähringer hat einen grandiosen, virtuos erzählten Roman vorgelegt. Das gilt vor allem deshalb, weil dieser hochgradig konstruierte Text sich dennoch leicht liest. Zähringer verzichtet auf jedes Wortgeklimpere. Er setzt auf Zurückhaltung. Aber gerade wegen ihrer Einfachheit möchte man seine Sätze wie flach geschliffene Steine zwischen den Fingern wenden: „So, wie man war, ist man vielleicht nie gewesen“, spekuliert Anna einmal über ihre Veränderung an Laskas Seite. Und als Yuri auf seine Abreise aus Deutschland zurückblickt, braucht Zähringer nur ein paar Sätze, um einem den Umzug per Kleintransporter vor Augen zu führen: „Ich erinnere mich, dass es zwei Tage dauerte, bis meine Eltern unseren gesamten Besitz darin verstaut hatten, auf so ausgeklügelte Weise, dass nicht das kleinste Eckchen Raum verschwendet wurde. Ich erinnere mich, dass für mich auf der zweiten Rückbank ein Platz frei gelassen worden war, der so klein war, dass ich kaum die Beine ausstrecken konnte. Ich war eingekeilt zwischen Schränken, Kisten dem Kühlschrank, der Abflussschlauch der Waschmaschine baumelte vor meiner Nase. Alles war so zugebaut, dass ich mir wie in einer Höhle vorkam. Ich konnte nicht nach draußen sehen und sah auch niemanden von meiner Familie. Mein Vater und meine Mutter saßen mit einer meiner beiden Schwestern vorn, meine andere Schwester hatte ein ähnliches Kabuff wie ich zugeteilt bekommen, irgendwo im Bus. Ich konnte sie nicht sehen, sie konnte mich nicht sehen, wir konnten nicht nach draußen sehen. Ab und zu gaben wir Klopfzeichen.“

          Zähringer kann etwas, was selten gelingt: erzählen. Vergleicht man „Bis zum Ende unserer Tage“ mit seinen vorherigen Romanen, so macht er von Schnitt, Montage, Einschub und Abschweifung sparsameren Gebrauch. Zähringers erzählerische Handschrift bleibt unverkennbar, aber er muss seine stilistischen Mittel nicht mehr bis ins Extrem treiben. Dafür lässt er beim finalen Showdown überhaupt nichts aus. Der Kreisschluss fällt auf den 21.März 2011. Tag- und Nachtgleiche, Frühlingsbeginn, Fukushima und die Erinnerung an Tschernobyl treffen zusammen. Die Figuren begegnen sich ausgerechnet in einer Apotheke. Heilsame Wirkung, schwarzer Humor. Es folgt ein Happy End, bei dem jeder banalen Happiness des Grinsen vergeht. Wer den literarischen Kosmos im Blick behalten will, wer Lust auf virtuos erzählte Revolution hat, wer noch ein Fünkchen Hoffnung bewahrt hat, dass Lektüre verändern kann, der lese „Bis zum Ende der Welt“.

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