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Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt : Was zum Kuckuck zirkuliert denn hier?

  • -Aktualisiert am

Die Figuren kreisen um ein gemeinsames Zentralgestirn

Das Revolutionäre weitet sich von den Figuren auf das Erzählen selbst aus. Im fünften der elf Kapitel vollzieht der Roman einen radikalen Neuanfang. Die Erzählung wechselt an die Algarve-Küste. Plötzlich erzählt eine neue Stimme im Rückblick ihre Lebensgeschichte. Dieser Erzähler arbeitet als Polizist in Sagres. Seine Eltern lebten in den siebziger Jahren in Deutschland, als Kind ist er nach Portugal zurückgekehrt. Seine Geschichte dreht sich um Migration und nationale Identität. Polizist ist er geworden, um sich als Portugiese zu fühlen. Muss man erwähnen, dass er allein, ohne familiäre Anbindung lebt und der geregelten Bahn seines Alltags müde ist? Wichtiger erscheint, dass er Yuri heißt, benannt nach Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All. Damit dürfte hinreichend klar sein, dass Yuri in Sachen Himmelsschau und Revolution bewandert ist.

Mit dem Einsetzen der dritten Figur - oder besser, des dritten Gestirns - bewegt sich Zähringers planetarisches Erzählen unaufhaltsam auf sein Ziel zu: Die drei europäischen Kulturen mit Hilfe der Figuren miteinander in eine Konstellation zu bringen, Anna, Laska und Yuri solange auf ihrer Bahn zu bewegen, bis sie sich begegnen. Auf diesen Kreisschluss kommt es an. Er verspricht das Neue. Prompt brechen Anna und Laska im sechsten Kapitel nach Portugal ins Ferienhaus des Ingenieurs auf. Von da an erzählt der Roman alternierend aus Annas und Yuris Sicht, bevor sich im zehnten und elften Kapitel die beiden Perspektiven vermischen. Die Figuren wissen selbst nichts davon, aber sie kreisen um ein gemeinsames Zentralgestirn. Es heißt Valentina, tritt aber kein einziges Mal selbst in der Geschichte auf.

Zähringer kann etwas, was selten gelingt: erzählen

Zähringer hat einen grandiosen, virtuos erzählten Roman vorgelegt. Das gilt vor allem deshalb, weil dieser hochgradig konstruierte Text sich dennoch leicht liest. Zähringer verzichtet auf jedes Wortgeklimpere. Er setzt auf Zurückhaltung. Aber gerade wegen ihrer Einfachheit möchte man seine Sätze wie flach geschliffene Steine zwischen den Fingern wenden: „So, wie man war, ist man vielleicht nie gewesen“, spekuliert Anna einmal über ihre Veränderung an Laskas Seite. Und als Yuri auf seine Abreise aus Deutschland zurückblickt, braucht Zähringer nur ein paar Sätze, um einem den Umzug per Kleintransporter vor Augen zu führen: „Ich erinnere mich, dass es zwei Tage dauerte, bis meine Eltern unseren gesamten Besitz darin verstaut hatten, auf so ausgeklügelte Weise, dass nicht das kleinste Eckchen Raum verschwendet wurde. Ich erinnere mich, dass für mich auf der zweiten Rückbank ein Platz frei gelassen worden war, der so klein war, dass ich kaum die Beine ausstrecken konnte. Ich war eingekeilt zwischen Schränken, Kisten dem Kühlschrank, der Abflussschlauch der Waschmaschine baumelte vor meiner Nase. Alles war so zugebaut, dass ich mir wie in einer Höhle vorkam. Ich konnte nicht nach draußen sehen und sah auch niemanden von meiner Familie. Mein Vater und meine Mutter saßen mit einer meiner beiden Schwestern vorn, meine andere Schwester hatte ein ähnliches Kabuff wie ich zugeteilt bekommen, irgendwo im Bus. Ich konnte sie nicht sehen, sie konnte mich nicht sehen, wir konnten nicht nach draußen sehen. Ab und zu gaben wir Klopfzeichen.“

Zähringer kann etwas, was selten gelingt: erzählen. Vergleicht man „Bis zum Ende unserer Tage“ mit seinen vorherigen Romanen, so macht er von Schnitt, Montage, Einschub und Abschweifung sparsameren Gebrauch. Zähringers erzählerische Handschrift bleibt unverkennbar, aber er muss seine stilistischen Mittel nicht mehr bis ins Extrem treiben. Dafür lässt er beim finalen Showdown überhaupt nichts aus. Der Kreisschluss fällt auf den 21.März 2011. Tag- und Nachtgleiche, Frühlingsbeginn, Fukushima und die Erinnerung an Tschernobyl treffen zusammen. Die Figuren begegnen sich ausgerechnet in einer Apotheke. Heilsame Wirkung, schwarzer Humor. Es folgt ein Happy End, bei dem jeder banalen Happiness des Grinsen vergeht. Wer den literarischen Kosmos im Blick behalten will, wer Lust auf virtuos erzählte Revolution hat, wer noch ein Fünkchen Hoffnung bewahrt hat, dass Lektüre verändern kann, der lese „Bis zum Ende der Welt“.

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