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Norbert Scheuer: Überm Rauschen : In Kall und Prüm, an Urft und Kyll

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Bild: Verlag

Alles ist im Fluss, doch unentzifferbar: Der für den Buchpreis nominierte Norbert Scheuer webt weiter am Universum seiner Geschichten, die die Eifel in eine Literaturlandschaft verwandeln.

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          Zwar bin ich weit in der Welt herumgekommen, aber in der Eifel bin ich noch nie gewesen, nicht aus Vorsatz, sondern weil es keinen bestimmten Grund dafür gab, dorthin zu reisen. Die Alpen und das Lausitzer Bergland waren näher und reizvoller. Vielleicht war an meinem Zögern aber auch der beklemmende Eindruck schuld, den mir Edgar Reitz vor mehr als zwei Jahrzehnten durch sein monumentales Filmepos „Heimat“ verschafft hat, dessen Bilder von der benachbarten Landschaft des Hunsrück mich frösteln machten, als sie hier in Australien, wo ich lebe, vom Fernsehen ausgestrahlt wurden. Da konnten sie geradezu abkühlend wie eine filmische Klimaanlage wirken.

          Aber dieser Eindruck war wohl eher ein Vorurteil – gegen das die Bücher von Norbert Scheuer heute wie ein Korrektiv wirken. „Überm Rauschen“ heißt der jüngste, in dieser Zeitung vorabgedruckte und jetzt in der engsten Wahl für den Deutschen Buchpreis stehende Roman. Vorausgegangen sind ihm 2002 „Flussabwärts“ und 2005 „Kall, Eifel“. Wie die Titel schon zeigen, haben sie alle mit Natur zu tun – das oder der „Rauschen“ ist ein Wehr.

          Rehabilitierung der Heimat

          Natur wiederum stellt die Verbindung her zu dem etwas verschwommenen, aber suggestiven und ach so populären wie populistischen Begriff der „Heimat“, der sich, zum Beispiel wie „Kindergarten“ oder „Gemütlichkeit“, nicht ins Englische übersetzen lässt. Ist der Geburtsort gemeint, wenn wir von Heimat sprechen, oder eher eine Verankerung in etwas Mythischem? Man kennt all die Heimat-Lieder, die, von Lokalpoeten gedichtet, ebenso lokale Charaktereigenschaften beschwören und so von der Waterkant bis Tirol ein ins Numinose, Sentimentale driftendes regionales Selbstbewusstsein verkünden, was freilich immer noch besser ist als wenn ein ganzes Volk, die Reihen fest geschlossen, die gleichen Töne und Gedanken von der Etsch bis an den Belt schmettert.

          Um es gleich zu sagen: Die Bücher Norbert Scheuers lassen auf eindringliche Weise die kühle Landschaft der Eifel aufleben, aber Heimatliteratur sind sie ebenso wenig, wie die Filmsaga von Reitz Regionalkunst war. Oder wie die Dramen Gerhart Hauptmanns einen Mythos vom ewigen Schlesiertum schaffen und verklären sollten. Eine Gemeinsamkeit allerdings haben sie durchaus. Ort der Handlung bei Hauptmann wie bei Scheuer ist häufig die Dorfkneipe, das Wirtshaus, die Gaststätte als Begegnungspunkt für Fremde und Einheimische ebenso wie für die Menschen aus unterschiedlichen Schichten und sozialen Milieus. Was nun sogleich zum Wichtigsten, Zentralsten aller Kunst führt: zu den Menschen in ihren Sorgen, Eigenarten, Irrungen und Verwirrungen, zu Liebe, Mord und Totschlag.

          Namen aus dem Gesteinskatalog

          Scheuers jüngstes Buch ist sein bisher anspruchsvollstes Werk, aber man tut gut daran, als Zugang dazu mit dem ersten Roman, „Flussabwärts“, zu beginnen, um deutlich zu sehen: Überall ist diese Eifeler Heimat hier mit der großen Welt verbunden. Flüsse durchziehen diese Landschaft wie Adern, und die Maare, Vulkanseen, überdecken sie wie Pockennarben. Züge fahren immer wieder durch Scheuers Bücher hindurch, von Köln nach Trier vor allem, und verbinden große Welt mit so knorrigen Namen wie Prüm, Urft, Kyll oder Kall, als stammten sie direkt aus einem Gesteinskatalog. „Ich fahre manchmal samstags mit dem Zug nach Kall, um Mutter zu besuchen“, erzählt Leo, der bescheidene, dem Autor nahestehende Held dieser Bücher.

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