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Norbert Gstrein: Die ganze Wahrheit : Den Teufel siezt man schließlich auch nicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Auf kaum ein Buch wartet der Literaturbetrieb mit solcher Spannung wie dieses: Norbert Gstrein hat mit "Die ganze Wahrheit" einen Schlüsselroman zu Suhrkamp vorgelegt. Oder doch nicht? Was das Werk leistet, geht über bloße Enthüllungen weit hinaus.

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          Was, wenn dieser Roman gar kein Schlüsselroman wäre? Was wäre er, wenn er kein Schlüsselroman wäre? Wenn er nicht „die ganze Wahrheit“ über den bedeutendsten deutschsprachigen Verlag des vergangenen Jahrhunderts verspräche, sondern nur „eine“ Wahrheit? Jene Wahrheit der Literatur nämlich, die für ihre ganz besondere Erkenntnisweise keinerlei Übereinstimmungen mit „lebenden oder toten Personen“ bedarf? Der kluge junge österreichische Autor Clemens J. Setz hat im vergangenen Jahr hinter seinen Roman „Die Frequenzen“ einen lustigen Warnhinweis gesetzt: „Alle realen Personen, die sich in den Figuren dieses Romans wiederfinden, werden durch den Akt der Identifikation zwangsläufig fiktiv und zu einem reinen Produkt meiner Phantasie.“

          Was also, wenn es in Wirklichkeit keinen Suhrkamp Verlag gäbe, keinen Jahrhundertverleger wie Siegfried Unseld, keine Witwe, die als junge Autorin in den Verlag kam, das Herz des berühmten und imposanten Mannes eroberte und nach seinem Tod zur Überraschung der literarischen Öffentlichkeit selbst das Heft in die Hand nahm? Keine Witwe, um die sich die Gerüchte ranken, der Neigungen zum Aberglauben, zu Magiern und Wahrsagern zugeschrieben werden, die theatralische Auftritte liebt, die von jungen Jahren an vom Tod fasziniert ist, ihr eigenes Alter aber schon in ihrem Debüt um ein paar Jahre nach unten korrigierte, die den Namen ihrer jüdischen Großmutter annahm und die jüdische Mystik, die Kabbala, zum Kern ihres eigenen literarischen Werks gemacht hat? Die später ein ebenso faszinierendes wie abstoßendes Buch über das Sterben ihres Mannes veröffentlicht hat? Wenn es diese ganze Suhrkamp-Seifenoper nicht gäbe, die Rechtsstreitigkeiten um Einfluss und Besitz, den gefürchteten Hausanwalt, die vielen Verstoßenen und im Streit Geschiedenen?

          Ein klassischer Angestelltenroman

          All diese Dinge spielen in Norbert Gstreins neuem Roman eine Rolle – aber was, wenn sie überhaupt nur in der Fiktion ein Leben hätten? Spielen wir einmal dieses Gedankenspiel. Was bliebe dann von der „ganzen Wahrheit“? Es bliebe, erstens, ein klassischer Angestelltenroman mit einem bemerkenswert mediokren Personal. Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Wilfried, ehemaliger Lektor in einem Wiener Kleinverlag, mit dem sich der verstorbene Verleger Heinrich Glück in progressiven Literaturkreisen einen Namen machte. Seit langem schon zehrte der Verlag vom Vermögen von Glücks erster Frau; vom Glanz der frühen Zeit waren Jahre vor dessen Tod nur noch die Autorenposter in den Büroräumen und die Reihen der Belegexemplare im Flur übrig geblieben. Neben Wilfried gehören noch zum Personal: der zynische Routinier Broser, der den lieben langen Tag den Sportteil studiert; die beflissene und etwas unbedarfte Sekretärin Frau Hausner, die jedes Manuskript liest und deren Urteil von besonderem Gewicht ist, sowie die taffe, ehrgeizige Kollegin Bella, mit der Wilfried eine Affäre hat.

          Und dann ist da eben noch Dagmar, die divenhafte zweite Frau Glücks, die den dümpelnden Verlag zu ihrer Leidenschaft und zum Vehikel ihrer privaten Obsessionen macht. „Wilfredo“, wie Dagmar ihn zärtlich und herablassend zugleich nennt, war stets ein treuer Trabant Glücks, sein Vertrauter und Privatsekretär, Dauergast in seiner Hietzinger Villa und schließlich sogar Gesellschafter seiner flatterhaften Frau. Doch nach Heinrich Glücks Tod schwingt sich der Literaturbeamte plötzlich zu tragischer Größe auf und beginnt einen erbitterten Kampf um die Erinnerung.

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