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Nora Bossong: Sommer vor den Mauern : Ich will nicht in Arkadien leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Das mythische Gefieder der Krähe und die Leiche des Duce: Die überaus begabte Nora Bossong verbindet in ihrer Dichtung Kunstsinn und Beobachtungsschärfe auf sagenhafte Weise. Eine große Entdeckung!

          So bewusst sie auch durchdacht, so gekonnt sie auch gearbeitet sein mögen: Ich glaube, es gibt keine Gedichte. Es gibt sie nur zufällig.“ Wer diesem zugespitzten Widersinn, mit dem Nora Bossong die Entstehung eines ihrer Gedichte (“Rolandslied“) zu erläutern versucht, Sinn abgewinnen kann, der ist bei der Entzifferung ihrer Lyrik auf gutem Wege: Die gedankliche Konzeption und die sorgfältige Spracharbeit allein - so könnte man Bossongs paradoxen Satz deuten - ergeben noch kein Gedicht; erst das zufällige Zusammentreffen einer konkreten Situation mit erfahrenen Umständen, mit zur Verfügung stehenden Kontexten und mit recherchiertem Hintergrundwissen führt zum Gedicht. Früher nannte man das, mit Friedrich Theodor Vischer, „das punktuelle Zünden der Welt im Subjekt“.

          Das Subjekt kommt in diesem Fall aus dem nüchternen Bremen. Daher das „Rolandslied“, daher auch die Bremer Stadtmusikanten, die gleich mehrfach zitiert werden. Ein ganzer Abschnitt des Gedichtbandes ist „Im Protestantenland“ überschrieben. Da, im norddeutschen „Diesigland“ unter magerem Protestantenhimmel, beobachtet und rekapituliert die Dichterin mit fast volkskundlichem Interesse die „Aussterbende Art“ der Rotrockfrauen, die mit knöchernen Protestantenfingern die Bibel durchblättern, führt mit befremdeter Beglückung durch die alten niedersächsischen Klöster und zur Teufelsbrücke im Deister, wobei sogar plattdeutsche Wendungen aus Fritz Thörners einschlägigem Heimat-Gedicht zitiert werden.

          Realitätsnähe und äußerste Subjektivität

          Doch anders, als man zunächst meinen könnte, bezieht sich der Titel des Gedichtbandes - „Sommer vor den Mauern“ - nicht auf solche regionalpoetischen Exkursionen. Er meint vielmehr die Basilika San Paolo fuori le mura in Rom, in der der Besucher die 265 Mosaikporträts aller bisherigen Päpste (am besten mit einem Fernglas) betrachten kann. Diese Bildergalerie hat die Phantasie und Recherchelust der Rom-Besucherin Bossong mächtig in Bewegung gesetzt. Gleich zehn Gedichte gelten den letzten zehn Päpsten seit Pius IX. Sie alle führen bereits im Titel deren Numerierung zusammen mit einem charakteristischen Merkmal des jeweils Porträtierten. Ohne die im Anhang beigegebenen Anmerkungen sind solche Bezüge kaum zu entschlüsseln, und die Reihung der Päpste wirkt insgesamt künstlich verklausuliert und manieriert.

          Allerdings ist sie auch bezeichnend für das seriell-narrative Verfahren der Verfasserin: Ihre Gedichte enthalten meist einen doppelten erzählerischen, fast balladesken Kern: den der Betrachtungssituation und den des jeweils betrachteten Objekts. Sie verbinden äußerste nachprüfbare Realitätsnähe mit äußerster Subjektivität. Geradezu paradigmatisch für diese Kombination ist das „Duce“-Gedicht, in dem die öffentliche Zurschaustellung der aufgehängten Leichen Mussolinis und seiner Geliebten von den „dahergelaufenen Zeugen“ „Jahrzehnte zu spät“ imaginiert wird - unter genauer Angabe der Einschussstellen am Leib des von Partisanen erschossenen Faschistenführers: „Drei Kugeln kehlig, vier in der Schulter, / ferner sind Lenden und Arm ruiniert, / ein Sieb, eine Siebesfeier, die wir beäugen, / den letzten Ball der beiden Bälger / und wir, zwei dahergelaufene Zeugen, / wissen wir denn, was Liebe war.“

          Absage an den Mythos

          Weniger aufsehenerregend, aber nicht weniger ergiebig fallen Nora Bossongs lyrische Erträge von Reisen in die Türkei, nach China und in die Vereinigten Staaten aus. Am Ararat umfliegt sie Noahs Tauben, in Schanghai vermisst sie den Nachklang der einstigen Exotik, in der Wall Street verfolgt sie atemlos das Auf und Ab der Kurse auf den Anzeigetafeln. Alles ist sorgfältig beobachtet, routiniert recherchiert und scheinbar absichtslos mit Bedeutung aufgeladen.

          Aber einige der besten Gedichte gelingen ihr gerade dort, wo keine Fußnoten ausgebreitet werden, wo der Gelehrsamkeit sogar ausdrücklich widersprochen wird. Dem gebildeten Partner einer jungen Frau beispielsweise fällt es beim Frühstück ein, als beide vorm Fenster eine Krähe beobachten, seine Freundin „Koronis“ zu nennen - eine gewiss nicht schmeichelhaft gemeinte Wendung. Doch er erntet für diese Identifikation seiner Partnerin mit der treulosen Geliebten Apolls nur uneingeschränkte Abweisung: „Ich will nur Mädchen sein, nicht in Arkadien leben. Ich bin zu leicht für deine Mythen“, sagt sie, nicht ahnend, dass sie ihm gerade mit dieser Selbstcharakterisierung als leichtes Mädchen recht gibt. Denn sie bekennt sich ganz offen zu jener Treulosigkeit der Koronis (“ich möchte niemanden, / ich möchte höchstens einen anderen sehen“), von der Apoll einst durch eine weiße Krähe erfuhr, woraufhin der Gott dem Vogel schwarze Federn wachsen ließ. „Du fragst mich“, heißt es im Gedicht „Leichtes Gefieder“, „ob ich wisse, / dass Krähen einmal weiß gefiedert waren.“ Sie weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Ihre Absage an den Mythos aber gerät zur Bestätigung seiner anhaltenden Geltung.

          Eine der größten Begabungen

          Wer sich auf Nora Bossongs Gedichte einlässt, kann sich auf manche Entdeckungen dieser Art gefasst machen. Die Lyrikerin hat sich die scheinbare Beiläufigkeit zum Stilprinzip erkoren und erweist sich gerade durch den frappanten Beziehungsreichtum des Unspektakulären als eine der größten Begabungen der jungen Literaturszene.

          „Sommer vor den Mauern“ ist nach „Reglose Jagd“ (2007) der zweite Gedichtband der 1982 geborenen Autorin, die inzwischen auch mit zwei Romanen hervorgetreten ist, zuletzt mit „Webers Protokoll“, einem belletristischen Pendant und Vorläufer zur öffentlichen Diskussion um das „Amt“.

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