https://www.faz.net/-gr3-8w18d

„Nina & Tom“ von Tom Kummer : Die Wahrheit der Liebe

  • -Aktualisiert am

Der Schweizer Autor Tom Kummer Bild: Christian Werner

Der notorische Wirklichkeitsfälscher Tom Kummer hat einen Roman mit dem Titel „Nina & Tom“ geschrieben. Was macht er aus seiner Lizenz zur Fiktion?

          Was für ein unmöglicher Roman: Als Ninas Körper immer lebloser wird, als sie, vom Krebs und Morphium gezeichnet, auf einer Matratze mit Plastikschutzhülle liegt, ihre beiden Söhne sich „längst verabschiedet haben, um sich selbst zu retten“, staut sich in ihrem Mann das Verlangen. Anstatt ihr Pflegegerätschaften ans Bett zu stellen, legt er die Hand zwischen ihre Beine, zieht ihr Seidenunterwäsche an, lässt sie in High Heels durch die Wohnung wanken und öffnet die Vorhänge, um die Unwirklichkeit von Los Angeles hereinzulassen.

          „Die größte Liebesgeschichte seit Love Story“, behauptet der Verlag von „Nina & Tom“. Vor allem ist es wohl eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Nina, das ist, solange sie lebt, ein schönes, faszinierendes Monster, dominant, androgyn, asozial, „stark in der Krise“, trotzig wie ein Kind. Nina stellt ihre Stiefel aufs Polster und schmeißt Bücher aus dem Fenster. Sie hat „kein Verständnis für Schwächen“ und möchte beim Sex gewürgt werden. Sie hat eine Obsession mit Spiegeln, Verkleidungen und Cremes. „Die Haut war ihr Feind“, schreibt der Autor und: das ist „mein persönlicher Bericht auf Ninas Kosten. Sie wird mich umbringen, wenn sie jemals davon erfährt.“ Und so wird die erst empfundene Empörung über die Schonungslosigkeit der Beschreibung zur Empathie mit dem Ich-Erzähler.

          Ein Roman, der die Angst vor dem Sterben verringert

          Als Tom Nina kennenlernt, arbeitet sie in einem Club in Barcelona. Ihr Outfit ist interessanter als die innere Leere, die sie als Geheimnis tarnt. Die beiden wissen nichts voneinander und leben von jetzt an gemeinsam. Ein neues Traumpaar zwischen Lederschwulen und Koks-Existenzialisten.

          Manchmal wacht Tom auf, weil Nina ihm ins Gesicht schlägt und sofortige Aufmerksamkeit von ihm verlangt. Sie will von ihren Träumen erzählen. Aber Tom interessiert sich nicht besonders für Träume. Nina ist seine große Liebe, am Ende sahen sie sich sogar ähnlich, so nah waren sie. Dreißig Jahre gemeinsames Leben. Zwei Söhne. Vier Tumore. Zwei Jahre Chemotherapie. Ein Jahr Sterben. Bilanz einer Ehe. Und auch wenn es nicht gleich danach klingt, es ist ein Roman, der die Angst vor dem Sterben verringert.

          Tom Kummer: „Nina & Tom“. Blumenbar, 253 Seiten, 20 Euro

          Der Autor des Buches „Nina & Tom“ heißt Tom Kummer, der Schweizer Autor, der in den neunziger Jahren Interviews und Reportagen veröffentlichte, bis herauskam, dass er sich die Gespräche mit Stars ausgedacht hatte. Den Schauspieler Charles Bronson ließ er über die Bedeutung der direkten Ansprache von Pflanzen in der Orchideenzucht reden, Courtney Love über den pädagogischen Einsatz von LSD in der Erziehung durch ihre Eltern. Ein Angriff auf die Werte des Journalismus.

          Kummer verlor seine Auftraggeber und wurde in Los Angeles Tennislehrer. Es wurde ein Dokumentarfilm über ihn gedreht, „Bad Boy Kummer“. 2007 erschien das Buch „Kleiner Knut ganz groß: Der berühmteste Eisbär der Welt im Gespräch mit Tom Kummer“, was der Verlag vermutlich sogar ernst meinte. Und das Magazin „032c“ veröffentlichte ein paar seiner alten Interviews. Kummer wurde kurz rehabilitiert, schrieb Reportagen und wurde anschließend wieder geschasst, weil er für seine Texte ganze Passagen von Kollegen übernahm. Wenn dieser Tom Kummer, der im Journalismus alles am liebsten erfunden hat, jetzt einen Roman schreibt, hat er da seinen Ort gefunden? Liegt ihm die Fiktion nicht sowieso viel mehr als die Wirklichkeit? Und was kann einer, der sich immer selbst ausstellte, nun mit dieser Lizenz zur Prosa?

          Zusammen, um sich gegenseitig „ein bisschen zu zerstören“

          Auch die Liebe von Tom und Nina liest sich wie eine Kummer-Geschichte, voller Ereignisse, Explosionen, Ekstasen. Das ganze Buch inhaliert sich so weg, die Schlagworte knallen. Ein schöner Schocker mit dem Besten aus den achtziger und neunziger Jahren: Streifzüge durch die Mauerstadt, nächtliches Kotzen, Nan Goldin huscht durchs Bild, Nick Cave steht an der Bar. Kaputter Sex gefolgt von Abtreibung. Gestörte Mutter-Beziehungen, Langeweile, Desinteresse, Rücksichtslosigkeit. Eine Schleife, in der alles mit allem zusammenhängt. Nina und Tom wollen irgendetwas fühlen, das sie bekämpfen können. Der „rasche und ununterbrochene Wechsel innerer und äußerer Eindrücke“, das habe ihre „Beziehung zementiert“, schreibt Kummer.

          Nina ist erst mal eine Rettung für Tom, der gerade dabei war, durch Spanien zu fahren, irgendetwas anzuzünden und davon einen Super-8-Film zu drehen. Außer gesehen zu werden, hat er keinen größeren Auftrag. Nina macht Tom, sie macht seine Geschichten, bringt ihn auf Themen, geht mit ihm auf Recherchereisen und lässt ihn glauben, er sei ohne sie nichts wert.

          Der Roman stilisiert ihre Gemeinschaft zu einer Art Antibeziehung, in der beide vorgeben, sich nicht füreinander zu interessieren, obwohl sie vollkommen symbiotisch leben. Ihr Hass scheint so groß zu sein wie ihre Liebe. Ihr Sex ist wie Krieg. Eine „Koalition“ zweier Menschen, deren Widerstand mehr Hedonismus als Kritik ist. Tom und Nina sind zusammen, um sich gegenseitig „ein bisschen zu zerstören“. Deswegen scheinen sie keine Angst voreinander zu haben.

          Flucht nach Los Angeles

          Kummer beschreibt die Faszination der Tragödie. Natürlich vergleicht er Nina und Tom mit Yoko und John, Syd und Nancy. Tom und Nina seien „Künstler ohne Werk“, schreibt Kummer einmal. Ihre Existenz ist die Inszenierung. „Es gibt immer einen Punkt, an dem man nicht mehr weiß, ob man lügt, und das, was man erfunden hat, plötzlich wahrer ist als man selbst.“ Dieses Zitat aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“ steht ziemlich am Anfang des Romans. Wie lange muss man an Liebe glauben, bis man sicher ist, dass sie bleibt?

          Es ist natürlich ein romantisches Buch. Die Existenz sei ein Gefängnis, schreibt Kummer, und man würde wahnsinnig, würde man nicht die Hand nach einem anderen ausstrecken, um sich mit der Außenwelt zu vereinen. Ist es so einfach? Vermutlich. Bloß nicht verrückt werden, einfach verrückt bleiben.

          Irgendwann flieht das Paar vor noch mehr Leere und Eskalation nach Los Angeles. Die Stadt sei „Prospekt für das Leben“, in Los Angeles seien sie „wie erfunden“, heißt es. Während eines Tornados wird ihr erstes Kind gezeugt, das die Kokainabhängigkeit Ninas ablöst. Und die Beziehung wird zu einer zärtlichen Liebe, in der beim Sex die Augen geschlossen werden. Das ist ungefähr die Zeit, in der Kummer auffliegt. Er fährt zum Tennisunterricht. Die Familie schläft in einem Zimmer, zehn mal sieben Meter. „Widerstandsnest“ nennt Kummer, was andere fehlende Privatsphäre nennen würden. Alle sind glücklich. Dann kommt die Diagnose.

          Das Sterben als Naturschauspiel

          Die abwechselnden Beschreibungen der jungen und der sterbenden Nina sind ein gelungener Kontrast. Das Wechseln des Blickes von Spuckefetzen zu Brüsten, die Sexualisierung des Sterbens, das hat beim Lesen bald eine beruhigende Wirkung. Dass sich Menschen, die sich vor dem Tod fürchten, in Sex flüchten, ist mehrfach wissenschaftlich untersucht worden. „Nina & Tom“ ist also ein Buch gegen Todesfurcht. Und nicht nur, weil so oft schmatzend kopuliert wird. Auch wegen der genauen Beschreibung des Sterbens: rissige Lippen, rote und gelbe Flüssigkeiten, Röcheln, Wut, Dämmern, stilles Schreien, brennender Körper. Kummer ästhetisiert das Sterben zum Naturschauspiel.

          2007 schrieb Tom Kummer einen autobiographischen Roman, „Blow up“, in dem er seinen Skandal erzählte. Auch in „Nina & Tom“ gibt es Beschreibungen dieses Aufstiegs und Absturzes, die sich autobiographisch lesen, manchmal klingen sie pflichtschuldig, manchmal rechtfertigend. „Ich habe mein Leben lang gesampelt“, lässt er sich sagen. Wie sehr sich die Fiktion an die Wirklichkeit hält, spielt in der Regel in Romanen keine Rolle. Wenn ihr Autor aber Kummer heißt, dreht sich die Frage um: Was hat er nicht erfunden?

          Nina, die Frau des Autors Kummer, ist 2014 gestorben, was nicht bedeutet, dass man sein Buch deshalb als Memoir entschlüsseln muss. Es ist egal, was stimmt, weil die große Liebe immer ein bisschen ausgedacht ist. Kummer will keine Tränen sammeln, er macht nur ein Überleben möglich. Und trotzdem ist es das Verhältnis zur Wirklichkeit, aus dem dieser Wahnsinnsroman seine Kraft bezieht: Als Autor eines Romans weiß Kummer, dass er ihr nicht entkommt. Weil er mit offenen Augen ins Feuer rennt, ist man in seiner Liebeserklärung völlig gefangen. Was Kummer über die Liebe schreibt, daran gibt es gar keine Zweifel, ist nicht nur seine Wahrheit.

          Weitere Themen

          Wer hat’s erfunden?

          Faltmethode von Marie Kondo : Wer hat’s erfunden?

          Die Japanerin Marie Kondo ist durch ihre Aufräummethode berühmt und reich geworden. Nun behauptet eine andere Unternehmerin, dass sie das T-Shirt-Falten erfunden hat.

          Topmeldungen

          Rennen um May-Nachfolge : Der unerwartete Rivale

          Sollte Boris Johnson genügend Stimmen bekommen, könnte er heute schon als Nachfolger von Theresa May feststehen. Doch Rory Stewart, der als Hoffnung der moderaten Konservativen gilt, will das verhindern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.