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„Nina & Tom“ von Tom Kummer : Die Wahrheit der Liebe

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Nina ist erst mal eine Rettung für Tom, der gerade dabei war, durch Spanien zu fahren, irgendetwas anzuzünden und davon einen Super-8-Film zu drehen. Außer gesehen zu werden, hat er keinen größeren Auftrag. Nina macht Tom, sie macht seine Geschichten, bringt ihn auf Themen, geht mit ihm auf Recherchereisen und lässt ihn glauben, er sei ohne sie nichts wert.

Der Roman stilisiert ihre Gemeinschaft zu einer Art Antibeziehung, in der beide vorgeben, sich nicht füreinander zu interessieren, obwohl sie vollkommen symbiotisch leben. Ihr Hass scheint so groß zu sein wie ihre Liebe. Ihr Sex ist wie Krieg. Eine „Koalition“ zweier Menschen, deren Widerstand mehr Hedonismus als Kritik ist. Tom und Nina sind zusammen, um sich gegenseitig „ein bisschen zu zerstören“. Deswegen scheinen sie keine Angst voreinander zu haben.

Flucht nach Los Angeles

Kummer beschreibt die Faszination der Tragödie. Natürlich vergleicht er Nina und Tom mit Yoko und John, Syd und Nancy. Tom und Nina seien „Künstler ohne Werk“, schreibt Kummer einmal. Ihre Existenz ist die Inszenierung. „Es gibt immer einen Punkt, an dem man nicht mehr weiß, ob man lügt, und das, was man erfunden hat, plötzlich wahrer ist als man selbst.“ Dieses Zitat aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“ steht ziemlich am Anfang des Romans. Wie lange muss man an Liebe glauben, bis man sicher ist, dass sie bleibt?

Es ist natürlich ein romantisches Buch. Die Existenz sei ein Gefängnis, schreibt Kummer, und man würde wahnsinnig, würde man nicht die Hand nach einem anderen ausstrecken, um sich mit der Außenwelt zu vereinen. Ist es so einfach? Vermutlich. Bloß nicht verrückt werden, einfach verrückt bleiben.

Irgendwann flieht das Paar vor noch mehr Leere und Eskalation nach Los Angeles. Die Stadt sei „Prospekt für das Leben“, in Los Angeles seien sie „wie erfunden“, heißt es. Während eines Tornados wird ihr erstes Kind gezeugt, das die Kokainabhängigkeit Ninas ablöst. Und die Beziehung wird zu einer zärtlichen Liebe, in der beim Sex die Augen geschlossen werden. Das ist ungefähr die Zeit, in der Kummer auffliegt. Er fährt zum Tennisunterricht. Die Familie schläft in einem Zimmer, zehn mal sieben Meter. „Widerstandsnest“ nennt Kummer, was andere fehlende Privatsphäre nennen würden. Alle sind glücklich. Dann kommt die Diagnose.

Das Sterben als Naturschauspiel

Die abwechselnden Beschreibungen der jungen und der sterbenden Nina sind ein gelungener Kontrast. Das Wechseln des Blickes von Spuckefetzen zu Brüsten, die Sexualisierung des Sterbens, das hat beim Lesen bald eine beruhigende Wirkung. Dass sich Menschen, die sich vor dem Tod fürchten, in Sex flüchten, ist mehrfach wissenschaftlich untersucht worden. „Nina & Tom“ ist also ein Buch gegen Todesfurcht. Und nicht nur, weil so oft schmatzend kopuliert wird. Auch wegen der genauen Beschreibung des Sterbens: rissige Lippen, rote und gelbe Flüssigkeiten, Röcheln, Wut, Dämmern, stilles Schreien, brennender Körper. Kummer ästhetisiert das Sterben zum Naturschauspiel.

2007 schrieb Tom Kummer einen autobiographischen Roman, „Blow up“, in dem er seinen Skandal erzählte. Auch in „Nina & Tom“ gibt es Beschreibungen dieses Aufstiegs und Absturzes, die sich autobiographisch lesen, manchmal klingen sie pflichtschuldig, manchmal rechtfertigend. „Ich habe mein Leben lang gesampelt“, lässt er sich sagen. Wie sehr sich die Fiktion an die Wirklichkeit hält, spielt in der Regel in Romanen keine Rolle. Wenn ihr Autor aber Kummer heißt, dreht sich die Frage um: Was hat er nicht erfunden?

Nina, die Frau des Autors Kummer, ist 2014 gestorben, was nicht bedeutet, dass man sein Buch deshalb als Memoir entschlüsseln muss. Es ist egal, was stimmt, weil die große Liebe immer ein bisschen ausgedacht ist. Kummer will keine Tränen sammeln, er macht nur ein Überleben möglich. Und trotzdem ist es das Verhältnis zur Wirklichkeit, aus dem dieser Wahnsinnsroman seine Kraft bezieht: Als Autor eines Romans weiß Kummer, dass er ihr nicht entkommt. Weil er mit offenen Augen ins Feuer rennt, ist man in seiner Liebeserklärung völlig gefangen. Was Kummer über die Liebe schreibt, daran gibt es gar keine Zweifel, ist nicht nur seine Wahrheit.

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