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Nikolai Gogol: Die toten Seelen : Väterchen Frost ist Schnee von gestern

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Vor zweihundert Jahren wurde Nikolai Gogol geboren: Zwei Übersetzungen seiner „Toten Seelen“ laden zur Wiederbegegnung mit dem Hauptwerk des russischen Klassikers ein. In ansprechender Ausstattung überzeugt jede für sich.

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          Nikolai Wassiljewitsch Gogol bildet zusammen mit Alexander Puschkin und Michail Lermontow jene Dichtertrias, die für die erste große Entfaltung der russischen Literatur steht. In einer Epoche die nach dem militärischen Triumph des Zarenreiches über Napoleon vom reaktionären Geist der Heiligen Allianz, durch die Adelsrevolte der Dekabristen und das repressive Regime Nikolaus I. markiert wurde, rückte die russische Literatur, nach einem langen Prozess der Aneignung fremder Muster, jetzt in eine Reihe mit der europäischen Romantik. Goethe, Schiller, E.T.A. Hoffmann, Byron, Mickiewicz waren nicht mehr unerreichbare Vorbilder, sondern Dialogpartner der Russen, die sich ihrerseits nun auf die eigenen Traditionen und Themen stützten.

          Gerade in Gogols Werken ist deutlich zu sehen, wie er aus der ukrainischen Überlieferung und seinen Petersburger Erfahrungen schöpft und dabei immer wieder ureigene künstlerische Lösungen findet. Seine Herkunft aus einer ukrainisch-polnischen Familie, die ein kleines Landgut in der Nähe von Poltawa besaß, hat ihn nicht gehindert, gezielt auf eine Tätigkeit als Beamter oder als Schriftsteller in Petersburg hinzustreben. Er hatte eine der von Kaiser Alexander I. geschaffenen Eliteschulen besucht, dort beachtliche Literaturkenntnisse erworben und sich bereits als Dichter versucht: Ein Poem mit dem abstrusen Titel „Hanz Küchelgarten“, das in einer überzogenen Apotheose Goethes gipfelte, hatte er nach Petersburg mitgebracht. Als es im Druck erschien und auf höhnische Kritik stieß, reiste der düpierte Dichter unvermittelt nach Lübeck – ein Verhaltensmuster, das sich mehrfach wiederholen sollte. Zuletzt 1848 mit seiner geheimnisumrankten Pilgerreise nach Jerusalem, mit der ein jahrelanges Irren von Ort zu Ort endete – im Sommer suchte er Heilung von allerlei Leiden in deutschen Kurorten, im Winter lebte er in Neapel, Florenz oder Rom.

          Typengalerie der Weltliteratur

          Einige Gogolsche Gestalten zählen zur ewigen Typengalerie der Weltliteratur: der vermeintlich Revisor Chlestakow, der eine korrupte Provinzstadt in panischen Schrecken versetzt; der reisende Kollegienrat Tschitschikow, der in der Provinz unbegreiflicherweise verstorbene Leibeigene aufkauft, oder Akakij Akakijewitsch Baschmatschkin, der kleine Beamte, der sich einen prächtigen Wintermantel abspart, welcher ihm beim ersten Ausgang gestohlen wird. Ganz zu schweigen von dem Kollegienassessor Kowaljow, dem die eigene Nase abhanden kommt. Alle diese Figuren sind nach Habitus und Verhalten höchst bizarr, sie agieren in seltsamen Situationen und werden vom Autor mit sprachlichen Komismen geradezu eingesponnen.

          Kein Zweifel: Gogol ist der große Virtuose des Komischen. Und er setzt seine komischen Verfahren nicht zum Selbstzweck ein, sondern um die Banalität des Seins, die russische poschlost, aufzudecken, wo immer sie sich vorfindet, und um im Menschen den Durst nach dem Hohen und Schönen zu wecken: das Metaphysische als Stachel des Komischen.

          Missverständnis der Rezeption

          In Verkennung seines eigentlichen Anliegens haben Gogols Zeitgenossen seinen Werken meist gesellschaftliche Zwecke unterstellt: Gesellschaftssatire, Verlachung des Lasters, Entlarvung des Beamtenapparates, Geißelung der Korruption. In der Tat spießt er dies ja alles auf und spart nicht an Mitleid mit den kleinen Leuten. Und doch war es ein Missverständnis, das die Biographie des Dichters begleitete und ihn vor seinem Publikum zurückscheuen ließ.

          Die Frage, ob Gogol Romantiker oder Realist sei, hat den kritischen Diskurs lange Zeit beherrscht, namentlich in Russland, wo nicht erst die sowjetische Literaturkritik die realistische Grundtendenz aller Literatur postulierte. Erst Andrej Belyj und Vladimir Nabokov stellten den einzigartigen Wortkünstler Gogol heraus, der das komische Genre beherrschte wie kein anderer; dem es jedoch nicht gelang, das Erhabene, das Ideal, zu gestalten.

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