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: Nieder mit den blassen Quallen der Poesie!

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Dieser Text dient allein der Dichterverehrung, und doch werde ich keinen einzigen Vers, keinen einzigen Doppelzeiler zitieren, weil ich, der lange Zeit Gedichte nicht ausstehen konnte, es viel weniger ausstehen kann, wenn man die Poesie eines Meisters vorstellt, indem man beispielhafte Schnipsel aufführt.

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          Dieser Text dient allein der Dichterverehrung, und doch werde ich keinen einzigen Vers, keinen einzigen Doppelzeiler zitieren, weil ich, der lange Zeit Gedichte nicht ausstehen konnte, es viel weniger ausstehen kann, wenn man die Poesie eines Meisters vorstellt, indem man beispielhafte Schnipsel aufführt. Der Dichter heißt Thomas Kunst, er lebt heute in der Heldenstadt Leipzig und arbeitet seit den 1980ern als sogenannter Bibliothekarischer Mitarbeiter in der Deutschen Bücherei. Das ist keine Schande - schändlich ist allein, dass er von seiner großen Kunst nicht leben kann, er verdient gerade mal so viel Geld, dass er nicht in die Bettelarmut absinken muss.

          Wer wie er das schöne Gift gegen die Mickrigkeit reicht, wer wie er ein pathetisches und sehr melancholisches Verhältnis zum Leben hat, müsste - wenn es im Literaturbetrieb mit rechten Mitteln zuginge - mit Preisen überschüttet werden. Es werden aber häufig nur Damen und Herren prämiert, die Literatur mit Kunsthandwerk verwechseln, und sehr oft liest man in den hochgelobten Büchern von Überdruss und Nahtodreife, von Frauen, die an Zigaretten ziehen und Fernweh anmelden, und von jungen Männern, die es sich als Verdienst anrechnen, wenn sie vom vierten Stock aus durch kahle Bäume spähen und nichts empfinden. Der Dichter aber, von dem hier die Rede ist, kommt schier um vor Gefühlen, und weil er sich aber nicht zurücknehmen und benehmen will, und weil er aber nicht die Unlust zur poetischen Kategorie seiner Dichtung erheben will, glüht er vor Zorn und vor berechtigtem Hass auf all jene, die nichts davon wissen wollen, dass man als Liebender aufhört, ein Zivilist zu sein. Dann ist er in seiner Art furios und unerbittlich, er sitzt auf einem Stuhl in irgendeinem Café tagsüber oder in irgendeiner Bar nachts, er hat die frommen Wünsche, die Liebeslitaneien, das ewige Gerede von der Ohnmacht an den Nachbartischen satt, er schlägt die Zeitung auf und stößt im Feuilleton auf die Namen der Kolleginnen und Kollegen, die wieder einmal ausgezeichnet worden sind, das Preisgeld beträgt zehntausend oder zwanzigtausend Euro, und genau in diesen Momenten müsste er eigentlich den Tisch umwerfen, auf dem das Glas mit dem fast ausgetrunkenen Rotwein steht, er müsste an den schönen Kellnerinnen vorbeigehen, die von den Studenten angeschmachtet werden, er müsste Losungen brüllen wie: Nieder mit den Strebern! Nieder mit den blassen Quallen der Poesie! Er tut es nicht, er bezahlt gesittet den Wein, schlägt die Zeitung zu und hängt die Zeitung im Holzspanner über einen Arm des Garderobenständers, und er verlässt ruhig das Kaffeehaus oder die Bar. Er schließt sein Fahrrad auf, schwingt sich auf den Sattel, und weil es ihm auf dem Heimweg immer überkommt, schaut er hoch zum Himmel, denn es ist nicht egal, welcher Himmel sich über einer Stadt spannt, dort oben sind Zeichen zu lesen, die nur ein Dichter in Wunderworte fassen kann.

          Der, von dem hier die Rede ist, hat nur flüchtig hochgeblickt, er muss nicht gaffen, um zu verstehen, außerdem würde er sonst gegen die Bordsteinkante fahren, er steigt hoch zu seiner Wohnung und setzt sich, ohne den Mantel abzulegen, gleich an seine Schreibmaschine. Und schreibt Gedichte. Sie lesen sich wie Abschiedsbriefe, wie lose vollgeschriebene Zettel, die aus einem Notizblock abgerissen sind und die man liest, um dann eine Viertelstunde vor sich hin zu starren: Es gibt keine Dichtung, und wenn doch, dann nur als Besprechungsformel, als Behelfswerkzeug, um die Verse eines toten Dichters zu begreifen. Es gibt Dichter und Poeme, es gibt Männer und Frauen - sehr wenige auserwählte -, die Schönheit in derart lichten Worten zeichnen, dass man brüllen möchte vor Verlangen und Lust. Und ich habe den Dichter Thomas Kunst in eben jener Stadt kennengelernt, in der man vor Ruinen steht oder in Katakomben hinuntersteigt und nicht verstehen will, dass man so traurig ist.

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