https://www.faz.net/-gr3-xx4b

Nicole Krauss: Das große Haus : Ihr fliegender Teppich ist ein Schreibtisch

  • -Aktualisiert am

Bild:

Nicole Krauss hat sich für ihren neuen Roman "Das große Haus" viel vorgenommen. Die amerikanische Schriftstellerin verbindet Schicksale, Zeiten und Orte mit Hilfe eines magischen Möbels.

          5 Min.

          Die ehrlichste literarische Bewährungsprobe ist das Langzeitgedächtnis. Jeder Leser kennt den peinigenden Moment, da man von einem Roman schwärmt, den man vor längerer Zeit gelesen hat, und merkt, dass einem die Figuren abhandengekommen sind und man auch die Handlung nur noch ansatzweise zusammenbekommt. Von manchem Buch bleibt nicht mehr als die Erinnerung an ein gutes Gefühl beim Lesen - und die ernüchternde Erkenntnis, dass die Freundschaft, die man mit seinen Charakteren geschlossen zu haben meinte, offenbar doch keine fürs Leben war.

          Nicole Krauss ist schön, begabt und berühmt (F.A.Z. vom 8. Januar). Nach einem glänzenden und eigenwilligen Debüt veröffentlichte die Amerikanerin 2005 ihren zweiten Roman, „Die Geschichte der Liebe“, in dem sich der formale Ehrgeiz der Autorin mit der Wahrhaftigkeit dessen, was sie zu erzählen hatte, erfreulich die Waage hielt. Damals war es ein Romanmanuskript, das über Ländergrenzen und Zeiten hinweg verschiedene Leben berührte und so ein unsichtbares Netz von Beziehungen knüpfte.

          Ein Tisch geht um die Welt

          Jetzt, in ihrem neuen Roman „Das große Haus“, ist es ein sehr viel schwereres und unhandlicheres Objekt, das Schicksale zusammenführt: ein Schreibtisch, ein ebenholzdunkles Trum von einem Möbel, mehr Tanker als Tisch, eine Art Hauffsches Geisterschiff, wie es „auf stockfinsterem Meer in der Tiefe einer mondlosen Nacht, ohne Hoffnung, irgendwo Land zu sichten“ herumirrt. „Über der Schreibfläche erhob sich ein Aufbau von Schubladen, Schubladen in absolut unpraktischen Größen, wie am Tisch eines mittelalterlichen Zauberers.“ Diesen Sekretär, an dem womöglich García Lorca einmal geschrieben hat, lässt Nicole Krauss als Frachter der Erinnerung durch Leben, Kontinente und das zwanzigste Jahrhundert segeln. Dabei wird er nie ge- oder verkauft, sondern wechselt den Besitzer als Leihgabe, Geschenk, Pfand oder Vermächtnis.

          Zwei Schriftstellerinnen, der einen in London und Oxford, der anderen in New York, leistet das Möbel in der Einsamkeit des Schreibens stumme inspiratorische Gesellschaft, ebenso einem jungen Dichter, der in den Folterkammern des Generals Pinochet verschwindet. Für einen ungarischen Juden birgt er die kostbare Erinnerung an seine Budapester Kindheit. All seine Hüter sind Emigranten, Flüchtlinge - sei es die in Nürnberg geborene Schriftstellerin Lotte Berg, die 1939 mit einem Kindertransport nach England kam und so als Einzige ihrer Familie den Nationalsozialisten entkommen konnte, oder George Weisz, Sohn eines jüdischen Gelehrten, in dessen Budapester Arbeitszimmer der Schreibtisch einst stand und der es sich als Antiquitätenhändler zur Aufgabe gemacht hat, Juden auf der ganzen Welt Teile ihres früheren Eigentums und damit ein Stück Heimat wiederzubeschaffen, oder der chilenische Poet Daniel Varsky, der nach Wanderjahren 1973 nach Hause zurückzukehren beschließt und sein Mobiliar, darunter auch den Schreibtisch, der angehenden Schriftstellerin Nadia in New York überlässt.

          Seelen werden zu Ideen

          Nadia wiederum erhält nach mehr als einem Vierteljahrhundert überraschend Besuch von Leah Weisz, die sagt, sie sei die Tochter Daniel Varskys und wolle seinen Schreibtisch abholen. Als Nadia dem Möbel nach Israel nachreist, kommt es zu einem Zusammenstoß mit Dov, dem als Autor gescheiterten israelischen Richter, der wiederum von seinem verwitweten Vater verzweifelt gesucht wird. Und dann ist da noch die amerikanische Literaturstudentin Isabel, die sich als Studentin in Oxford in Joav, Sohn von George Weisz und Bruder Leahs, verliebt und so über Umwege fast mit dem Schreibtisch in Berührung kommt - aber eben nur fast.

          Der Schreibtisch mit seinen unzähligen Fächern und Laden, von denen eine stets verschlossen bleibt, ist das offensichtliche Sinnbild einer Romankonstruktion, in der die einzelnen Geschichten und Erinnerungen wie Schubladen herausgezogen werden, ohne dass am Ende das letzte Geheimnis, wie alle miteinander oder wenigstens mit dem Möbel zusammenhängen, detektivisch befriedigend gelöst würde. Nicole Krauss geht es erkennbar nicht um Handlung und nicht um die Lösung eines Rätsels, sondern um die Verwandlung der Seelen ihrer Figuren in eine Idee, in ein Objekt, das sie spiegelt und bewahrt. In diesem Motiv folgt sie einer Schule des Talmud, auf die auch der Romantitel „Das große Haus“, das metaphorische Haus des Geistes, zurückgeht.

          Weitere Themen

          Irland sehen und schaudern

          Serie „Dublin Murders“ : Irland sehen und schaudern

          In „Dublin Murders“ wirft ein Fall zwei Ermittler auf ihre eigene Kindheit zurück. Die Serie ist düster, psychologisch dicht, das Gegenteil der heiteren Geschichten, die bei uns sonst von der grünen Insel erzählt werden.

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.