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Roman von Nicolas Mathieu : Tiefe Schnitte ins welke Fleisch

Die schlanke Eleganz seiner Prosa hinterlässt Nachbilder: Nicolas Mathieu. Bild: ddp/Opale/Leemage

Fünfundneunzig Seiten von atemberaubender Intensität: In seinem Roman „Rose Royal“ entfaltet Nicolas Mathieu das ganze Drama zwischen den Geschlechtern.

          5 Min.

          Das „Royal“ ist eine nicht wirklich verkommene Bar irgendwo in Nancy, eine dieser Bars, in denen „Trinker, Punks mit schütter gewordenem Haar, untröstliche Angestellte und Langzeitarbeitslose“ vor sich hindämmern; nichts weiter ereignet sich dort. Rose ist eine nicht wirklich verkommene Frau, die sich für die Blessuren, die ihr das Leben, vor allem die Männer zugefügt haben, recht gut gehalten hat. Nicolas Mathieus knapper, eisig kühler Roman, dessen Titel „Rose Royal“ wie ein exquisites Versprechen klingt, beginnt so: „Rose sprang aus dem Bus, überquerte die Straße, rannte fast, ohne sich um die Autos zu kümmern, dabei herrschte dichter Verkehr in beide Richtungen.“ Sie ist auf dem Weg in die Bar, und mit einer solchen Szene könnte auch ein Film beginnen, bei dem direkt klar ist, dass ein Mann ins Spiel kommen muss: „Rose war fast fünfzig und störte sich nicht weiter dran. Sie war sich ihrer Vorzüge bewusst, ihre Figur hatte sie nicht im Stich gelassen, und dann ihre Beine, wirklich schön. Nur ihr Gesicht verriet sie ein wenig. Es war nicht aufgequollen und auch nicht besonders eingefallen, aber Zeit, Tränen und schlaflose Nächte hatten ihre Spuren hinterlassen.“

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ins „Royal“ geht Rose jeden Abend, „gut ging es ihr vor allem hier“, wo sie „langsam betrunken wurde“ und an zwei Abenden ihre Freundin Marie-Jeanne trifft, die dort willigen Kunden die Haare schneidet. Eine seltsame Konstellation ist das, eine Nische, in der Rose sich sicher fühlt, vor allem vor den Männern, mit denen sie für sich abgeschlossen zu haben glaubt. Als sie in den von Marie-Jeanne mitgebrachten Frisierspiegel schaut, vergewissert sie sich ihrer selbst: „Wenigstens über eine Sache konnte sie sich freuen. Die Prüfungen des Lebens hatten sie hart gemacht, das war ein Geschenk. Rose war jetzt stark. An ihrem Umgang mit Männern sah man, sie konnte sich zur Wehr setzen.“ Unsichtbares Zeichen ihrer Wehrhaftigkeit ist ein kleiner Revolver, eine „Neun Millimeter“, die sie auf einer amerikanischen Website gekauft hat – „keine kleine Investition und eine Ansage“ – und seither schwer in ihrer Handtasche liegt. Den Umgang mit der Waffe hat sie im Wald geübt, für ihren vorerst letzten Kerl hatte sie den Revolver dann doch nicht gebraucht.

          Nicolas Mathieu: „Rose Royal“.
          Nicolas Mathieu: „Rose Royal“. : Bild: Hanser Berlin Verlag

          Rose wird gleich auf den ersten Seiten ausgeschnitten mit solchen Beschreibungen, scharfkantig wie eine Kamee, als eine Oberfläche, ein Relief, mit ein wenig Sympathie, zugleich doch schamlos. In den knappen Sätzen, die Nicolas Mathieu für sie findet, lässt sich beinahe Sarkasmus wittern, jedenfalls Gefahr im Verzug. Rose ist in Lothringen geboren und aufgewachsen, „in einer Familie, umgeben von Schweigen und Groll“, sie heiratete früh, bekam zwei Söhne, mit denen sie kaum noch Kontakt hat, die Scheidung verlief komplikationslos. Immerhin brachte sie es zu einer respektablen Stelle als Sekretärin in der Buchhaltung, einer bezahlbaren kleinen Wohnung, „zu einem dreizehnten Monatsgehalt und einem wenig genutzten weißen Fiat Punto“.

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          Das erste Kapitel in diesem schmalen Roman ist von einer atemnehmenden Intensität – die Katastrophe im Kleinen, im „Royal“, wo sich an diesem Abend eine Schar zunehmend betrunkener Jugendlicher austobt. Ein Knall wie ein Schuss von der Straße her schreckt die Gesellschaft auf. Kurz danach kommt ein Fremder in die Bar. Er trägt seine sterbende Hündin in den Armen, die von einem Auto angefahren wurde: „Jede seiner Bewegungen war fast verstörend behutsam. Das Tier hechelte immer noch. Sein feuchtes schwarzes Auge bewegte sich, suchte nach Gesichtern.“ Während alle in Schockstarre vor dieser Szene stehen, handelt Rose. Sie holt den Revolver aus ihrer Handtasche und gibt der Hündin den Gnadenschuss. Der erste Gebrauch ihrer Waffe gilt nicht einem Mistkerl, er gilt der leidenden Kreatur. Der Mann hebt den Blick zu Rose. „Er bedankte sich nickend. Sein Name war Luc.“

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