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Neuer Krimi von Nicola Lagioia : In den Klauen der Blutsverwandtschaft

  • -Aktualisiert am

Hässliche Seite des Mezzogiorno: Die Stahlfabrik ILVA in Tarent verpestet nicht nur die Luft, das gesellschaftliche Klima leidet unter der ewigen Korruption. Bild: Foto Roberto Caccuri/Laif

Nur der Krimi bietet wahren Realismus: Nicola Lagioia legt mit „Eiskalter Süden“ einen preisgekrönten Roman vor, der ins grausame Herz eines apulischen Clans führt. Eine Gegenwartsanalyse.

          4 Min.

          Die Kanalrattenszene: Eine Hauskatze hat den gepflegten Garten der Villa verlassen. Auf ihrem Streifzug verirrt sie sich in den Vororten von Bari und trifft auf einen riesigen Nager: „Die Kanalratte starrte sie aus ihren kleinen Augen an. Ihre Schneidezähne waren so lang, dass sie gezwungen war, die Schnauze stets halb geöffnet zu halten. Sie warf sich auf sie. Bevor sie ihre Zähne in sie schlagen konnte, machte die Katze einen Sprung in die Luft, streifte den Leib der Ratte, und als sie aufs Gras zurückfiel, hatte sie die Krallen ausgefahren.“ Es folgt ein tödlicher Kampf, im Laufe dessen der „verborgene Teil“ des Haustiers wieder von ihm Besitz ergreift: Es wird zur „Raubkatze“, in ihrer Kehle “gurgelte etwas Dichtes und Tiefes. Sie hatte die Vene gefunden. Sie war erregt, elektrisiert. Sie spürte das letzte Zucken des Gegners unter den hellen Strahlen des Mondes.“

          Ein Streicheltier wird am Ende von Nicola Lagioias Roman „Eiskalter Süden“ zum Miniaturtiger. Der treffendere Originaltitel „La ferocia“ (Die Grausamkeit, Wildheit) spielt auf diese Verwandlung an, und die packend erzählte Szene wird dadurch brillant, dass sie - so könnte man meinen - den Fluchtpunkt des ganzen Romans bildet. Denn Michele, der Katze Herrchen, bewundert nicht nur „La visita della sera“, ein Gemälde von Renato Guttuso, das einen Tiger in der Stadt zeigt, sondern fährt wenig später selbst scharfe Krallen aus. Als Michele rekonstruiert, wie es geschehen konnte, dass seine Halbschwester Clara misshandelt bei einem Unfall starb, den ihr Vater seit Monaten als Selbstmord ausgibt, schreitet er zwar zur Tat, um die Familie büßen zu lassen. Aber Micheles Rache ist anders geartet als der blutrünstige Kill seiner Katze: „Wir verhalten uns absurd. Wir sind unvorhersehbar“, teilt er seinem verdutzten Gegenüber mit, das nur die Hände senken und den Kopf schütteln kann.

          Der Patriarch zückt neue Karten

          Der Showdown krönt einen Roman, der 2015 den Premio Strega, den wichtigsten italienischen Literaturpreis, erhalten hat. Nicola Lagioia, 1973 in Bari geboren, heute in Rom lebend und gerade zum Direktor der Turiner Buchmesse ernannt, versteht es, seine Heimatstadt in einer Sittenfreske einzufangen. Das Zentrum Baris und des Romans ist Vittorio Salvemini, Claras Vater, Kopf eines Bauunternehmens, der seine Kinder durch ein Geflecht von notariellen und emotionalen Erpressungen an sich fesselt. Der Fünfundsiebzigjährige hält die Zügel fest in der Hand: Im Moment von Claras Tod droht die Justiz sein wichtigstes Projekt, eine Villensiedlung auf der Gargano-Halbinsel, auf Eis zu legen und das fragile System von Zahlungsströmen auszutrocknen. Zynisch zückt der Patriarch die neue Karte: Drei Liebhaber seiner Tochter sind durch ihr Ableben erpressbar geworden.

          Der Rest der Familie sieht zu: die gebildete, aber passive Gattin Annamaria, der Älteste Ruggero, stellvertretender Direktor der Onkologie, ein Arbeitstier und Sozialkrüppel, Gioia, die Jüngste, die so hirnlos wie manipulativ ist; am Rande steht Ehemann Alberto, ein willensschwacher, beruflich von Vittorio abhängiger Ingenieur. Brisant wird die Konstellation, als Michele zurückkommt: Der junge Mann, der mit dreißig Jahren neben einer stolzen psychiatrischen nur eine kleine journalistische Karriere vorweisen kann, hatte sich nach Rom verabschiedet, um fern der Familie eine stabile Existenz aufzubauen; das scheint höchstens ansatzweise gelungen zu sein. Nun kommt er samt Katze heim und verwandelt sich in das geheime Kraftzentrum der Handlung.

          Mikrokosmos einer Stadt

          Lagioia beschränkt sich nicht darauf, die Familiengeschichte von ihrem katastrophalen Ende aus nachzuerzählen, er macht sie zum Teil einer Kriminalhandlung, die weit in die Gesellschaft ausgreift. Clara war eine notorische Fremdgängerin und hat es mit den ehrbarsten Bürger der Stadt getrieben: Renato Costantini, Universitätspräsident, Valentino Buffante, ehemaliger Staatssekretär und Vorsitzender einer Stiftung, sowie Mimmo Russo, Vorsitzender Richter am Berufungsgericht in Bari - alternde Männer, die ihre Libido durch das Quälen jungen Fleisches anstacheln. Die drei haben sich hervorgetan, aber Clara hat halb Bari ihren perfekten Körper angeboten, vom Betreiber eines Fitnesszentrums bis zum Journalisten: Lagioia bedient sich der Figur, um den Mikrokosmos einer Stadt und die korrupte Realität des Mezzogiorno einzufangen.

          Korruption und Froschkostüme

          Vincenzo Latronicos „Die Verschwörung der Tauben“ und nun Lagioias „Eiskalter Süden“: der Secession Verlag präsentiert gleich zwei junge italienische Autoren, die in der Nachfolge von Leonardo Sciascia daran glauben, dass nur der Krimi wahren Realismus bietet. Man mag sie als typisch italienisch abtun, Tatsache ist, dass diese abgeklärte Sicht überzeugende Gegenwartsanalysen erlaubt. Gemein haben beide Romane auch, dass die Aktivitäten in der korruptionsfreudigen Baubranche angesiedelt sind. Lagioia sorgt allerdings für Ausgleich: Es mangelt nicht an koksschniefenden Amtsärzten, geilen Chirurgen, DMT rauchenden Flyerverteilern im Froschkostüm und bestechlichen Würdenträgern jeder Couleur.

          Der Kern freilich bleibt die Familiengeschichte, vor allem die fast inzestuöse Bindung zwischen Clara und Michele; nicht umsonst begeistert Letzterer sich für die Lyrik Georg Trakls. Die Anziehung der Halbgeschwister verweist auf einen Riss im Familienfundament: Michele ist der Sohn Micaelas, einer Geliebten Vittorios, die bei der Geburt verstarb. Annamaria adoptiert das Kind, das fast ihre Ehe gesprengt hätte, und Michele wächst als Außenseiter in der Familie auf. Er fasziniert Clara, die beiden entwickeln ein stillschweigendes Einverständnis, und Clara übernimmt Micheles kritische Sicht.

          Selbstmord auf Raten

          Das Leben trennt sie, Michele muss zum Militär, kommt nach einer heftigen Krise in die Psychiatrie, sucht schließlich sein Heil in der Flucht. Clara hält es nicht aus: Stilsicher stürzt die blendend schöne Frau sich erst in eine Ehe mit dem Langweiler Alberto und dann in Sex- und Drogenexzesse, die sie zerstören: „Bleich. Auf skandalöse Weise mager, als würde unter der gespannten Haut ihrer sechsunddreißig Jahre ein Skelett voller Hohn zum Vorschein kommen. Eine bösartige Erscheinung, die alles auf den Kopf stellen wollte. Besessen von einem Plan, von dem Alberto ausgeschlossen war.“

          Familiäre Bande bestimmen unser Denken und Handeln: „Die Blutsverwandten werden nie müde, uns ins Verhör zu nehmen. Sie legen ihre Stimme in unserem Innern ab. Sie ist es, die in ihrer Abwesenheit zu uns spricht.“ Sie sorgen sogar dafür, dass Carla über einen Twitter-Account zum Leben erwacht. Darauf läuft Lagioias minutiöse Analyse hinaus: Es existiert eine Kopie des anderen in unserem Kopf. Clara treibt sie in einen Selbstmord auf Raten, Michele in die Zerstörung jener Familie, in deren Spalten ihre Bindung gewachsen ist wie eine Asphaltblume. „Eiskalter Süden“ will mentale Mechanismen und Zustände in Bilder fassen, selbst wenn sie halb- oder unbewusst sind. Lagioias Stil ist daher innerlich und dicht, mitunter dunkel, passagenweise verstiegen.

          Nicola Lagioia: „Eiskalter Süden“. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Secession Verlag für Literatur, Berlin 2016. 528 S., geb., 28,- €.

          Wer hat’s getan? Das ist nicht entscheidend. So rätselhaft die Dinge sind, die sich in Bari zutragen, in letzter Konsequenz scheint nicht einmal das Motiv ausschlaggebend. „Wie schön die Schöpfung doch war und wie dumm“, sinniert Richter Russo am Ende des Romans. Der Lüstling hat recht: Wie ist überhaupt ein Leben möglich in diesem Kosmos krepierender Nachtfalter, riesiger Kanalratten und dysfunktionaler Familien - jene „verkrustete Verschmelzung von Irren“? Nach der Lektüre von „Eiskalter Süden“ wird man die Frage so schnell nicht los.

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