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: Nichts erfunden

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Die Geschichte geht so: Ein junger Terrorist stirbt nach einem Schußwechsel mit Grenzschutzbeamten auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Kleinen. Auch einer der Polizisten kommt bei dem Einsatz ums Leben. Es gibt Ermittlungspannen und sich widersprechende Gutachten. Der Innenminister und der Generalbundesanwalt treten zurück.

          Die Geschichte geht so: Ein junger Terrorist stirbt nach einem Schußwechsel mit Grenzschutzbeamten auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Kleinen. Auch einer der Polizisten kommt bei dem Einsatz ums Leben. Es gibt Ermittlungspannen und sich widersprechende Gutachten. Der Innenminister und der Generalbundesanwalt treten zurück. Ob der Terrorist erschossen worden ist oder Selbstmord begangen hat, beschäftigt jahrelang die Gerichte, die Medien und vor allem: seine Eltern.

          Kommt Ihnen das bekannt vor? Erinnert Sie das an etwas? Vielleicht erinnert Sie diese Geschichte ja an den 27. Juni 1993. An die Festnahme der RAF-Terroristin Birgit Hogefeld, an den Tod ihres Freundes Wolfgang Grams und den des GSG-9-Beamten Michael Newrzella auf dem Bahnhof der mecklenburgischen Kleinstadt Bad Kleinen. An den Rücktritt des Innenministers Rudolf Seiters und den des Generalbundesanwaltes Alexander von Stahl.

          Vielleicht erinnern Sie sich sogar an die Eltern von Wolfgang Grams in Andres Veiels Dokumentarfilm "Black Box BRD" aus dem Jahr 2001. An den Vater, Werner Grams, als er sagt: "Es ist deine Entscheidung, was du in diesem Leben tust, aber auf alle Fälle steht dir dein Elternhaus immer offen." Daran, wie er den Kopf schüttelt, weiterspricht: "und das hat er auch", wieder abbricht und hinzufügt: "das schaff ich nicht", bevor er sich mit einem Papiertaschentuch die Tränen aus den Augen wischt.

          Selbst wenn Sie sich an all das erinnern sollten: vergessen Sie's. "Die namentlich genannten Personen dieses Romans sind frei erfunden." Das steht vor dem ersten Kapitel von Christoph Heins Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten", der Ende Januar erscheint. Darin erzählt Hein die Geschichte eines pensionierten Schuldirektors namens Richard Zurek, dessen Sohn Oliver für ein halbes Jahr unschuldig einsitzt, sich danach einer Terrorgruppe anschließt und mit seiner Lebensgefährtin untertaucht, bevor er in Kleinen stirbt. Hein erzählt, wie der Vater mit diesem Verlust fertigzuwerden versucht, wie er in Konflikt gerät mit seinen Idealen und wie er schließlich alles daransetzt, die Ehre des Sohnes zu retten. Weil er die offiziellen Versionen der Todesumstände anzweifelt. Weil er an eine Verschwörung glaubt. Weil er, der immer höfliche, immer korrekte und autoritätshörige Lehrer, zu dem Ergebnis kommt, daß der Abschlußbericht "nichts als ein großer Haufen Scheiße" sei.

          Nimmt man Heins Hinweis, daß alle Personen frei erfunden sind, ernst, dann handelt es sich bei "In seiner frühen Kindheit ein Garten" einfach um einen kitschigen Entwicklungsroman, in dem ein Rentner zum Revolutionär wird. In dem Richard Zurek erst alle legalen Mittel ausschöpft und dann, als er einsieht, daß es kein Verfahren geben wird, sogar erwägt, Gewalt anzuwenden, um "in diesem Staat zu seinem Recht zu kommen".

          Aber man darf Heins Vorbemerkung nicht ernst nehmen. Weil die Personen nicht frei erfunden sind. Die Biographien von Oliver Zurek und Wolfgang Grams weisen zu große Ähnlichkeiten auf. Grams' Bruder heißt Rainer, Zureks Heiner. Beide sind in Wiesbaden aufgewachsen und erleiden das gleiche Schicksal. Hein macht aus Grams' Freund Gerd Böh Gerd Schmückler und zitiert sogar das Transparent, das Böh in Veiels Film aufspannt. Auf fast jeder Seite bricht die Realität in die Fiktion ein.

          Mit Heins halbdokumentarischem Buch kann man von einem neuen literarischen Genre sprechen: dem RAF-Roman. Heins westdeutscher Alterskollege F. C. Delius hat mit seiner Trilogie "Deutscher Herbst" (1981 bis 1992) die Ermordung Schleyers, die Entführung der "Landshut" und das Begräbnis der Terroristen allerdings immer aus der Perspektive von Randfiguren beschrieben, ohne die exakt recherchierten Fakten anzutasten. Heins vereinfachender Umgang mit Daten, die trivialen Dialoge und peinlichen Liebesszenen erinnern an Michael Wildenhains "Erste Liebe, Deutscher Herbst" von 1997 und Leander Scholz' 2001 erschienenen Roman "Rosenfest".

          Autoren haben gegenüber lebenden und toten Personen eine Verantwortung. Sie können sich dieser nicht entziehen, indem sie jeden Bezug zur Realität mit einem Satz leugnen. Die Frage ist, was will Christoph Hein eigentlich? Will er Aufmerksamkeit erregen? Eine Diskussion über die Erinnerung an die RAF anstoßen? Den Fall Wolfgang Grams neu aufrollen? Was auch immer das Motiv sein mag, dieser RAF-Roman dient nicht der Wahrheitsfindung. Er dient auch nicht der Literatur. Oder der Unterhaltung. Er ist einfach ein überflüssiges Buch mehr.

          JAN BRANDT

          Christoph Hein: "In seiner frühen Kindheit ein Garten". Suhrkamp. 272 Seiten, 17,90 Euro.

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