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: Nicht nur Ladie's Lover: D. H. Lawrence muss wieder gelesen werden

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Der Diogenes Verlag hat in zwei stattlichen lindgrünen Leinenbänden die gesammelten Erzählungen und Kurzromane von D. H. Lawrence vorgelegt; und gleichzeitig, weinrot, im Duodezformat, eine Auswahl seiner Liebesgeschichten. D. H. Lawrence - wer war das noch mal? Ach ja, der Sexguru aus England, lang ist es her, Lady Chatterley, die Swinging Sixties.

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          Der Diogenes Verlag hat in zwei stattlichen lindgrünen Leinenbänden die gesammelten Erzählungen und Kurzromane von D. H. Lawrence vorgelegt; und gleichzeitig, weinrot, im Duodezformat, eine Auswahl seiner Liebesgeschichten. D. H. Lawrence - wer war das noch mal? Ach ja, der Sexguru aus England, lang ist es her, Lady Chatterley, die Swinging Sixties. Mit seinem Sinn für einprägsame Formeln brachte es der Dichter Philip Larkin seinerzeit auf den Punkt: "Sexual intercourse began / In nineteen sixty-three . . . / Between the end of the Chatterley ban / And the Beatles' first LP" - und dazwischen die wehmütige Parenthese des Alternden: "Which was rather late for me" (untertrieben, wie man inzwischen weiß). Aber darüber sind wir doch längst hinaus. Kann man das heute noch lesen?

          Von seiner posthumen Ernennung zum Vorkämpfer der permissiven Gesellschaft ließ sich der 1930 mit fünfundvierzig Jahren an Tuberkulose verstorbene Autor nichts träumen. Seinen skandalösen letzten Roman, den Gegenstand jenes denkwürdigen Rechtsstreites um die Freiheit der Kunst, hielt er für ein keusches Buch. Mit dem Blick auf vieles, was danach kam, möchte man ihm recht geben. "Lady Chatterley's Lover" ist ein charakteristisches Werk, aber kaum sein wichtigstes; ihn damit gleichzusetzen heißt, die großen Romane seit "Sons and Lovers" (1913) zu ignorieren, die Fülle der langen und kurzen Erzählungen, seiner Gedichte, Reisebilder, Essays - lauter Aufbrüche, Expeditionen zumeist nach dem fremden Erdteil Liebe.

          Sie alle schöpfen ihre Dringlichkeit und zuweilen fiebrige Spannung aus den Komplexen, gegen die er unermüdlich anschrieb: dem engeren seiner Herkunft und dem umfassenden seiner Zeitgenossenschaft mit einer kranken Zivilisation. Dem Sohn eines Grubenarbeiters aus dem Kohlerevier und einer bildungsbeflissenen bürgerlichen Mutter wurde sein späteres Thema, die Asymmetrie der Liebe, in einer von elterlichen Zerwürfnissen gezeichneten Kindheit auf den Leib geschrieben; als Konflikt zwischen ödipaler Mutterbindung und verdrängter Bewunderung für die Männlichkeit des geistig unterlegenen Vaters. Sein Schreiben war von Anfang an existentielle Notwendigkeit und Selbsttherapie, nie distanziertes ästhetisches Spiel. Nabokov fand ihn krude, Ted Hughes liebte ihn - wie viele aus seiner Generation.

          Dass er mit der deutschen Aristokratin und englischen Professorengattin Frieda von Richthofen, Mutter dreier Kinder, aus England durchbrannte, war seine Art, das elterliche Dilemma nachträglich zu bereinigen: ein Triumph des Eros über die Klassenschranken, dauerhaftes Bündnis von Mann und Frau, ungeachtet vieler Kämpfe und Rückfälle, und nicht zuletzt Ausbruch aus provinzieller Enge und industrieller Unnatur. Als erste und wohl auch glücklichste Station der neuen Welt, die sich ihm hier öffnete, durfte das Isartal der Vorkriegszeit in die englische Literaturgeschichte eingehen. Wolfratshausen, Beuerberg oder Icking steht unter den Liebesgedichten jener Tage, die bezeugen, dass Lawrence im bayerischen Voralpenland buchstäblich das Herz aufging. "Ich könnte kopfstehen vor Freude", schreibt er in einem Brief und preist Friedas "geniale Begabung zum Leben". In Icking bewohnen die beiden das Liebesnest, das Max Webers Bruder Alfred für sich und Friedas Schwester Else, Gattin des wohlsituierten Münchner Professors Edgar Jaffé, eingerichtet hat. Die Richthofen-Schwestern fanden einen gesunden Ausgleich von Leib und Seele erstrebenswert, und bei Lawrence kam die Geringschätzung für die Intellektuellen nicht von ungefähr.

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