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Nicholson Baker: Das Haus der Löcher : Es ist genug Lust für alle da

Bild: Rowohlt

Nicholson Baker hat seinen dritten pornographischen Roman geschrieben: „Das Haus der Löcher“ ist eine Phantasie aus dem Schlaraffenland der Sexualität.

          Ist es wirklich heikler, über Sex zu schreiben als über die Liebe oder den Tod? Schwieriger? Machen es deswegen viele Autoren gar nicht? Und geht es deshalb bei den anderen so häufig schief? Wenn beim Autor die Scham überwunden ist, über nackte Körper in intimer Aktion, über die Geräusche, die sie machen, über die Flüssigkeiten, die sie absondern, zu schreiben, heißt das ja nicht, dass auch wir als Leser uns ohne Scham über seine Sätze beugen könnten. Wobei die Scham, die sich beim Lesen oft einstellt, nicht so sehr mit dem Sex, den nackten Körpern, den Flüssigkeiten zu tun hat, als mit dem, was aus ihnen geworden ist. Also mit der Sprache. Mit den verschwurbelten, schnaubenden, süßlichen, brutalen, verklemmten, überhöhten, kruden Szenen, in die sie meistens gesetzt werden, unter Zuhilfenahme von Wörtern, die auch einen Verkehrsunfall beschreiben könnten. Schwiemelig wie die „Lady Chatterley“, monoton wie das geheime Tagebuch von „Walter“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicholson Baker schreibt gern über Sex. Und er schreibt brillant über Sex. Mit Wörtern, die in jedem anderen Kontext nutzlos wären. Bakers Phantasie ist unverschämt dreckig, und seine Möglichkeiten, dafür eine Sprache zu finden, sind nahezu grenzenlos. In seinem neuen Roman, „Das Haus der Löcher“, lässt er diesen Phantasien freien Lauf ins Surreale und erzählt in sechzehn Vignetten von der in seiner entfesselten Vorstellung unendlichen Vielfalt, in der sich Männer und Frauen miteinander oder mit sich selbst vergnügen können.

          Kondensierende Wirklichkeit und ein Arm mit Eigenleben

          Die erste zwischenmenschliche Begegnung findet zwischen einem Mädchen namens Shandee und einem Arm statt. Daves Arm, wie sich schnell herausstellt. Dave, der sich, anders als Shandee, bereits im Haus der Löcher befindet, wollte einen größeren Penis, und er hat dafür seinen rechten Arm geopfert, der auf Wegen, die selbst dem detailverliebten Baker offenbar nicht ganz klar sind, wieder in die wirkliche Welt gelangt ist. Daves Arm wurde allerdings von Lila, der Direktorin im Haus der Löcher, die für solche Körpertauschgeschäfte zuständig ist, nicht einfach entsorgt, sondern mit einem Zugang für Fischfutterbrei versehen, der ihn ernährt, und einem Ventil für den chemischen Abfall, der im Stoffwechsel anfällt.

          Shandee fand Daves Arm in einem Steinbruch, den sie mit einer Geologieexkursion ihrer Universität besuchte. Und nachdem der Arm sich als sehr einfühlsam und kennerhaft erwiesen hatte, formten seine Finger ein O - und Shandee „schob ihre Zunge hindurch, und dann streckten sich ihr Inneres, ihr Nacken und ihr Körper, bis er sehr lang war, und er strömte durch seine Finger, und dann strömten seine Finger mit. Sie wurde in einen Wusch von Flaumigkeit gesogen, und dann landete sie und kondensierte, und vor ihr im Gras war ein Schild: ,Willkommen im Haus der Löcher’“.

          Als Praktikant im Luxusresort der Lüste

          Es ist ein Schlaraffenland des Sex, in das Shandee da geraten ist, gerade so wie Alice durch den Kaninchenbau ins Wunderland. Alle möglichen Arten von Löchern dienen den lustsuchenden Menschen als Zugang zum Haus der Löcher, die Rückwand eines professionellen Wäschetrockners tut es ebenso wie ein Strohhalm, eine Pfeffermühle oder eben ein von zwei Fingern geformtes O.

          Die ankommenden Männer werden auf Krankheiten und eine Neigung zu Diebstahl, Betrug und Gewalttätigkeit gescannt und wie in einer Autowaschanlage einer nach dem anderen einer Peniswaschung unterzogen, wozu die Diensttuenden Schwammhandschuhe tragen. Auch müssen die Männer für ihren Aufenthalt in diesem Luxusresort der Lüste nicht zu knapp bezahlen. Es ist teurer als Golfen. Pendle etwa, ein Anwärter und begnadeter Interviewer - leider war die Stelle, auf die er sich bei Lila, der Direktorin des Hauses der Löcher, bewarb, schon besetzt -, hat gar kein Geld, um im Haus der Löcher seinem Traum (dass alle Frauen der Welt sein Geschlecht sehen, was Lila für etwas übertrieben hält) ein Stück näher zu kommen. „Sie ziehen los“, sagt Lila schließlich, „und verdienen irgendwie, sagen wir, dreieinhalbtausend Dollar und kommen wieder, und dann geben wir Ihnen eine Praktikantenstelle.“

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